So war die 9. Fachtagung von Anja Beran im Zirkus Krone – „Das vitale Pferd“

Ein junges Pferd mit viel Gang und Nerv soll in einer engen Manege und vor viel Publikum auftreten. Kann das gut gehen? Es kann, das zeigte der Auftritt der Stute Amazing Grace auf der Fachtagung von Anja Beran. Im Zirkuszelt des Circus Krone in München zeigte die Ausbilderin anhand der Stute, welche Übungen geholfen haben, aus einem sehr schwierigen Pferd eins zu machen, das auch diese Enge und Atmosphäre akzeptiert.

Das vitale Pferd 

„Das vitale Pferd“ war das Motto der Fachtagung von Anja Beran, die am vergangenen Sonntag in München stattfand. Absolut imposant, jedoch nicht ganz einfach für alle Pferde war der Ort des Geschehens: Der Circus Krone mitten in München. Die Zusammenarbeit ist das Resultat einer Freundschaft. Anja Beran ist seit langer Zeit mit Jana Lacey-Krone befreundet. Die beiden reiten und arbeiten immer wieder mal zusammen. Das Vorstellen der Pferde in der Manege ist nicht einfach: Sie hat einen Durchmesser von 12,50 Meter, das ist knapp mehr als eine Volte. Sehr ungewohnt für die Pferde, die sonst in einer Halle von 20 x 40 Metern gearbeitet werden! Das Publikum ringsum macht auch noch etwas mit dem Raum, „Reiter und Pferde spüren, ob die Ränge voll sind oder nicht“, erzählt Anja Beran. „Das ist schon ein Hexenkessel!“

Im Hexenkessel

Damit ist die Energie gemeint, die Spannung, die in der Luft liegt. Das macht den Raum gefühlt noch enger, außer einem schienbeinhohen roten Rand gibt es keine Abgrenzung zwischen Manege und Publikum. Es riecht hier auch nach Zirkus, nach Löwen und Sägespänen. Doch alle gezeigten Pferde an diesem Tag meistern ihre Aufgabe.

Rennen und Steigen kurieren

Die Stute Amazing Grace wird unter allen Pferden als besonders hervorgehoben. Einmal aufgrund ihrer Qualität, aber auch, weil sie schwieriger als alle anderen sei. Sie kam nach einer kleinen Odyssee zu Anja Beran in die Ausbildung. „Sie ist gerannt und gestiegen“, erzählte Anja Beran. „Dazu klebte sie extrem an anderen Pferden.“ Verließen diese zum Beispiel die Halle, explodierte Amazing Grace und schoss los. Es reichten schon kleine Geräusche, zum Beispiel, wenn ein Zuschauer zwei Zentimeter seines Reißverschlusses öffnete, und die Stute startete durch.

Das angespannte Pferd

Hier in der Zirkusmanege wird zwar klar, wie stark die Stute immer noch unter Strom steht – sie guckt ins Publikum, ihre Muskeln sind angespannt, sie ist abgelenkt, als sie frisch in den Ring kommt. Doch sie bleibt jederzeit kontrollierbar. Ihre Reiterin Vera Munderloh „gibt sich viel mit ihr ab“, sagt Anja Beran. Das beinhaltet viel Zeit und Geduld. Zum Beispiel stellte sich die Reiterin mit der Stute einfach so in die Halle. Sie ging mit ihr in eine Ecke, hatte Leckerlis dabei und verbrachte Zeit mit der Stute. Zur Übung gegen das Kleben wurden dabei andere Pferde hinein- und herausgeführt.

Viel Vorwärtsdrang händeln

Amazing Grace ist ein feines Pferd, mit viel Vorwärtsdrang. „Mit Hauruck geht da gar nichts“, erklärt Anja Beran. Wichtig wäre ein Reiter mit starken Nerven und, dass der Reiter dem Pferd zuhöre.

Vertraute Beschäftigung bringt Konzentration und Ruhe

Zur Gewöhnung an die Atmosphäre während der Show nutzen Ausbilderin und Bereiterin gern Seitengänge im Schritt. Sie helfen in so einem Fall, um die Kontrolle als Reiter zu erhalten und zu behalten, ohne grob zu werden. Sie verlangen von Amazing Grace Konzentration. Sie kann sich in dieser Übung schneller mental entspannen, da sie in der ungewohnten Situation eine ihr vertraute Übung absolvieren soll. So tritt nicht nur ein gymnastischer Effekt durch die Seitengänge ein, sondern sie helfen auch, solch ein nerviges Pferd mental wieder in die Balance zu führen. Amazing Grace zeigt unter Vera Munderloh zum Beispiel Renvers im Schritt – Anja Beran lobt dabei, wie die Stute der Reiterin zuhöre und durch die vertraute Beschäftigung ruhiger werde. Als Vera Munderloh die Stute danach geradeaus gehen lässt, sieht man ein verbessertes Schreiten, die Bewegungen fließen noch besser durch das Pferd.

Den Hals länger bekommen

Hier in der Manege zeigt Vera Munderloh die Stute erst im Schritt, dann im Leichttraben, währenddessen zum Beispiel im Schultervor. Die Stute federt schön durch den Körper und ist taktsicher.

Neben den charakterlichen Besonderheiten stand bei Amazing Grace reiterlich an, „den Hals aus dem Rumpf zu bekommen“, so formuliert es Anja Beran während der Vorstellung. Die Stute neigte dazu, sich eng zu machen, den Kopf an die Brust zu nehmen und loszurennen, wenn sie erschrak. Vom Exterieur her gibt’s nicht viel an der siebenjährigen Stute zu bemängeln. Sie wurde dreijährig Siegerstute in Bayern und Baden-Württemberg. Im Herbst 2017 kam sie zu Anja Beran in den Stall.

Tempounterschiede innerhalb der Gangart

Hilfreich, um den Hals unterm Reiter wieder länger zu bekommen, seien Übergänge innerhalb der Gangart: „Zum Beispiel den Schritt verlängern und dann verkürzen. Dabei vorsichtig zurückführen mit möglichst wenig Hand!“ Genauso wird es dann auch im Trab gemacht. Ausbilderin Anja Beran betont, wie wichtig es ist, auch ein solches, hochexplosiv wirkendes Pferd auch mal nach vorn zu schicken. Diese Traute zu haben, bei einem Pferd, das sowieso gern unter dem Sattel wegrennt, sei enorm wichtig.

Von Öl-Fütterung bis Sattelpassform

Es ging auf der Fachtagung nicht nur um die Ausbildung. Ganz passend zum Thema „Das vitale Pferd“ wechselten sich Reitdarbietungen mit anderen Fachvorträgen und Vorstellungen ab.

Freiarbeit: Einblick ins Training

Hausherrin Jana Lacey-Krone zeigte zum Beispiel, wie sie eine Freiheitsdressur mit ihren Arabern Schritt für Schritt aufbaut. Das war ein Punkt des Programms, das ingesamt die Gesunderhaltung von vielen Aspekten her beleuchtete: Anja Beran zeigte mit ihrer Bereiterin und einigen anderen Trainern verschiedene Pferde und Ausbildungsetappen. Der Araber im Bild oben ist zum Beispiel Safi, dessen erste Ausbildungsschritte auch auf wehorse zu verfolgen sind. 

Fütterung, die gesund erhält

Tierärztin Elisabeth Albescu beleuchtete die Fütterung und was hier besonders zu beachten ist, um Probleme wie Magengeschwüre oder Fettleibigkeit zu verhindern. Interessanter Aspekt zum Beispiel: Eine typische Ration aus Heu, Mineralfutter, Hafer und einem Öl wurden vorgestellt. Dabei sei beim Öl zu beachten, dass nicht mehr als 50 Milliliter pro Tag verfüttert werden, und dass das ausgesuchte Öl mehr Omega-6-Fettsäuren als Omega-3-Fettsäuren enthalte. Sattlerin Dorothee Zettler erklärte, welche Faktoren wichtig sind, um festzustellen, ob der Sattel passt. Zudem war noch Kunst in Form von Malereien und Fotografien als Ausstellung in der Pause vertreten, wobei besonders die Fotoserie "Lichtritte" von Maresa Mader hervorstach (von ihr stammen auch die Fotos auf dieser Seite). Anja Beran stieg dann für den Abschluss des Tages selbst in den Sattel ihres Schimmels Ofendido, begleitet von einem Percussion-Musiker und im Wechsel mit ihrer Bereiterin Vera Munderloh, die ihr eigenes Pferd vorstellte.

Gymnastik und freudige Mitarbeit

Besonders auffällig bei den gezeigten Pferden in den diversen Ausbildungsphasen war, dass gymnastische Verbesserung und Motivation des Pferdes stets Hand in Hand gehen. Die Pferde sollen verstehen, was sie tun sollen und werden sofort gelobt, wenn etwas gelingt. Neue Übungen werden so logisch nachvollziehbar für das Pferd aufgebaut, dass es keine Missverständnisse, die in Unsicherheiten oder Widerständen münden, gibt. Ein Beispiel dafür zeigte ein Haflingerwallach. Er war mit Reiterin Kathrin Roida im Ring. Die Ausbilderin gehört zu den von Anja Beran empfohlenen Dressurausbildern und ist auch bei wehorse mit Videos über die Handarbeit vertreten. Hier auf der Fachtagung zeigte sie neben einem Araber auch Haflinger Wolfendorn unter dem Sattel. Einen Bilderbuch-Haflinger, imposant und mit wallendem Behang.  Er präsentierte sich merklich gern – in der Passage oder beim Spanischen Schritt.

Dennoch ist er natürlich nicht das für die Dressur gezüchtete Idealpferd. Doch egal welche nicht idealen Voraussetzungen vom Exterieur die Pferde mitbringen - Anja Beran hat ein Rezept: "Nicht verzweifeln, sondern gymnastizieren, fördern, dann ist oft erstaunlich, was doch geht!" 

Travers im Schritt und die Galopp-Pirouette

Neu lernt der Wallach gerade die Galopp-Pirouette. Diese setzt Anja Beran so zusammen: Das Pferd muss zuvor Travers im Schritt und Angaloppieren aus dem Schritt beherrschen. Natürlich muss auch schon ein gewisser Grad an Versammlung erreicht sein. Nun werden beide genannten Lektionen zusammengesetzt: Der Haflinger soll aus dem Travers im Schritt in den Galopp einspringen. So entstehen bei Gelingen automatisch die ersten Sprünge in der Galopp-Pirouette. Nun ist es wichtig, sofort zu loben und nicht zu warten, bis er diese neue Bewegung nicht mehr halten kann! Also loben, bevor es zum Fehler kommt. Erst mal geht es nur ums Verständnis. Die Linie darf noch groß sein, er soll einfach fleißig weiter springen, bevor die Lektion aufgelöst wird.

Das Allerwichtigste am Pferd, wichtiger als alle Gänge oder Exterieurmerkmale, sei das Interieur des Pferdes, erklärte Anja Beran. Wenn das stimme, sei ganz viel möglich. Was für ein schönes Schlusswort.

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