Zu Besuch bei Kurd Albrecht von Ziegner

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Er ist ein großer alter Meister der Reitkunst: Kurd Albrecht von Ziegner, geboren 1918, lehrt heute noch nach der HdV 12 und hat die korrekte Arbeit einst in der Kavallerie erlernt. Er bildet auch heute Pferde aus, erfand das Hangbahntraining und ist ein Verfechter für artgerechtes Reiten, Behandeln und Halten von Pferden. Wir haben ihn daheim besucht. 

Ein kühler Morgen in Norddeutschland. In der Reithalle zwei Stuten, eine braune, eine schwarze. An der kurzen Seite auf dem Podest hinter der Bande steht ein Mann, schmal, Mütze, Headset im Ohr. 

Die Braune und ihre Reiterin befinden sich auf dem Mittelzirkel, wechselnd sitzt die Reiterin aus, das Pferd geht in Arbeitshaltung, immer wieder lässt die Reiterin im Leichttraben die Zügel aus der Hand kauen. „Ja, sie soll den Zügel suchen, wie ein Spürhund auf der Fährte“, sagt der Mann zur Reiterin, das Pferd soll sich so lang strecken, dass die Nase sich vorwärts-abwärts in Richtung Hallenboden bewegt. 

Dieser Mann, 98 Jahre alt wird er dieses Jahr,  heißt Kurd Albrecht von Ziegner. Er ist einer der Vertreter der ursprünglichen HdV12, der Heeresdienstvorschrift von 1912, der Grundlage der heutigen Richtlinien. So einige klassisch arbeitende Ausbilder beziehen sich heute noch lieber auf diese ursprüngliche Version, in der Jungpferdearbeit und vielseitige Ausbildung großen Raum erhielten. Einer der wichtigsten Lehrmeister von Kurd Albrecht von Ziegner selbst war Alois Podhajski, der legendäre Leiter der Spanischen Hofreitschule. Er hat ihn noch die höheren Weihen der Reitkunst eingewiesen. Wir, das Team von pferdia tv, sind hier, um seinen Trainingsalltag festzuhalten. Thomas Vogel steht mit der Kamera in der Reithalle, Inge Vogel ist mit dem Fotoapparat unterwegs, ich selbst stehe mit dem Laptop neben dem alten Meister und schreibe mit, was er zu den Reitern und Pferden sagt. 

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Kruppe-herein

„Wenn das innere Hinterbein auffußt, muss der Galopp anfangen, genau, sehr gut so!“ ruft er der Reiterin zu. Auf genaue Übergänge legt er Wert. Es ist eine unspektakuläre, sehr genaue und deshalb so gute Arbeit. Die Eckpfeiler dieser Arbeit spricht Ziegner während des Unterrichts immer wieder aus: „Die Oberlinie soll sich wölben!“, „Der Schritt soll taktrein sein!“, „Die Hand geht mitfühlend aus dem Ellbogen heraus vor.“

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Mit dem gut gelösten Pferd geht’s weiter mit Kruppe herein, Schulterherein, gern auch auf der Mittellinie. Zum Schluss versammelt die Reiterin das Pferd noch zur Piaffe: Kruppe abgesenkt, Genick höchster Punkt, noch in Arbeit, aber schön ungezwungen und mit diesen essentiellen Details angelegt. 

Er erarbeitet die Piaffen immer ohne Bodenarbeit, erzählt er, und das ist ihm wichtig. Nur aus dem Sitz heraus, ohne Stress, die Gerte aufgestellt nach oben, das dient der Aufmerksamkeit. 

Die braune Vollblüterin, Bliss heißt sie, ist auffällig langliniert und groß für ein Blutpferd. Sie hat eine ganz spezielle Geschichte. Die Stute von Platini xx war Rennpferd, dann Zuchtstute, und kam recht roh und undefinierbar lahm siebenjährig zu ihrer heutigen Besitzerin und Reiterin. „Kein Tierarzt konnte helfen, wir haben sie in zwei Jahren durch Hangbahnarbeit wieder gesund gemacht, das war ihre Therapie. Das war bisher mein größter Erfolg mit dem Hangbahntraining“, sagt Kurd Albrecht von Ziegner.

Das Hangbahntraining hat er selbst entwickelt. Dabei arbeitet der Reiter das Pferd auf einer schiefen Ebene, mit ungefähr zehn Prozent Neigung. Er legt ein Rechteck, wie eine Reitbahn an, und kann übliche Hufschlagfiguren reiten. Durch die Steigung und Neigung an den kurzen Seiten und die ebene Fläche an den geraden Seiten ergibt sich ganz natürlich der Wechsel zwischen Schubkraft und Tragkraft der Hinterhand

Marie-Luise-von-der-Sode
Trockenreiten
Reiten-bei-Kurd-Albrecht-von-Ziegner

Er möchte diese Idee und seine Philosophie der Pferdeausbildung an die jüngeren Generationen weitergeben. Die drei Kernthemen von Kurd Albrecht von Ziegner: 

  1. Ein Verhältnis zum Pferd entwickeln: „Dass man ein Pferd von Herzen gern hat, das geht über und man wird es zurück bekommen.“
  2. Die Pferdeausbildung sollte den Regeln entsprechen, wie „wir sie aus der Kavallerie gelernt haben, wie sie in der HdV12 verankert sind und in den Richtlinien weitergeführt sind.“ 
  3. Es kommt darauf an, die Mitarbeit des Pferdes zu erreichen. Es darf kein Zwang ausgeübt werden. „Ich möchte, dass der Reiter sich das Pferd als Partner erwirbt. Keine Unterordnung.“ 

Im Originalton Kurd Albrecht von Ziegners ausgedrückt: „Ich will, dass das Pferd, wenn es den Sattel sieht, eher freudig guckt und wiehert, statt zu denken ‚ach Du liebe Zeit’ und mir den Hintern zu dreht.“

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Er kann sich ereifern über falsch verstandene Fürsorge, über Pferde, die nie auf die Weide oder nie ins Gelände kommen. Regelmäßiger Auslauf gehört für ihn genauso zum Programm wie eine vielseitige Ausbildung. Beide Stuten sind in der Piaff-Arbeit angekommen. Doch die braune Stute geht zusätzlich Jagden, und die Rappstute dreht auch schon mal eine Runde über den Geländeplatz.

Kurd Albrecht von Ziegner stammt aus einer Reiterfamilie. Sein Onkel, Dietrich von Choltitz, nahm ihn als Zehnjährigen in den Ferien mit in seine Kavallerietruppe. Dietrich von Choltitz wurde später als Kommandant von Paris, bekannt, der sich den Befehlen Hitlers widersetzte, die Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen. All das lag zu von Ziegners Reitstunden, Ende der 20er Jahre, in ferner Zukunft. Kurd Albrecht von Ziegner durfte in den Sattel von „Elisabeth“ steigen und lernte, im Gelände zu reiten. Diese Reitstunden beim Onkel waren für ihn eine unbeschwerte Zeit.

Die Filmkamera ist inzwischen aus, wir haben eine wunderschöne Arbeitseinheit der geschmeidigen Rappstute gesehen. Am langen Zügel geht sie nun Schritt, und steuert zielbewusst zur Bande hin. Genau dorthin, wo ihr Besitzer wartet. Sie reckt den Kopf über die hohe Bande, bis sie an die Zuckerwürfel kommt, die ihr Chef ihr hinlegt. Das ist ein Ritual der beiden nach der Arbeit. Vertrauen bilden, gut zum Pferd sein, das betont und lebt der Ausbilder. Dass seine Stute ihm an der Stimme erkennt, ist ihm ein taugliches Beispiel des Vertrauens. Vor einiger Zeit waren sie in Luhmühlen zum Training auf dem Geländeplatz. Danach wartete Karamika im Anhänger. Es war bereits dunkel, Kurd Albrecht von Ziegner ging mit einem Begleiter über den Parkplatz, ins Gespräch vertieft. Da hörte er auf einmal seine Karamika wiehern. Sie hatte seine Stimme erkannt, lange bevor die Männer am Pferdeanhänger ankamen. 

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Seine Stute steht bei ihm daheim, jeden Tag morgens und abends schaut er selbst nach den Pferden. Das letzte Mal ist er mit 91 Jahren selbst in den Sattel gestiegen. „Ich könnte es noch, da bin ich sicher, aber man muss ja vernünftig sein“, sagt er. 

Er ist höflich im Unterricht, lobt viel („Genau so!“, sagt er, zum Beispiel, wenn das Halten gut gelingt, und das tut es beeindruckend bei beiden Stuten, darauf legt er Wert). Die Stimme ist energisch, auch wenn sie durch ein Headset verstärkt bei den Reiterinnen ankommt. Manchmal, wenn er „Jawoll!“ ruft, oder „Nein!“, dann bekommt man eine Ahnung davon, dass seine Schule auch heute noch eine strenge Schule ist. Natürlich nicht zu vergleichen mit seiner eigenen Ausbildung. Da musste er als Rekrut mit allen anderen 15 Mann der Reitabteilung absitzen und auf den Ellbogen 80 Meter auf der Reitbahn kriechen. Als Strafe dafür, wenn die Absätze eines einzelnen Reiters nicht unten blieben, oder die Fäuste nicht aufrecht. 

Nach dem Training, auf dem Weg zu seinem Wohnhaus. In dem kleinen Dorf nahe der Lüneburger Heide liegen die Häuser und Höfe locker verteilt an Dorf- und Landstrassen. Kurd Albrecht von Ziegners Haus versteckt sich hinter hohen Bäumen. In dem Reetdachhaus sind drei Kinder groß geworden. Heute lebt er hier mit seiner Frau. Viele Jahre lang gehörte das Unterwegs sein zu seinem Leben: Seit 1978 ist er ständig zwischen den USA und Deutschland gependelt, er hat die Dressurszene in den USA geprägt durch Seminare, zwei Bücher hat er für den amerikanischen Markt geschrieben, "The elments of dressage" ist sogar in fünf Sprachen erschienen. Er hat Turnierprüfungen entwickelt. Seit einigen Jahren sind sie tatsächlich sesshaft geworden. Es ist ein Heim mit warmer Atmosphäre, Teppichböden, Holzmöbeln und antike Schätzchen wie einer Wasserkaraffe aus dem Jahr 1894. Sie war der Preis eines Jagdrennens und ist ein Erbstück des Großvaters. Das alles fügt sich zu einem eleganten und traditionellen Heim. Vom Wohnzimmer aus blickt das Ehepaar auf die Pferdeweiden, wenig später steht hier Karamika mit einem Pferdefreund in der Wintersonne. 

Auf einem Sims stehen Familienbilder aufgereiht, seine Frau im Sattel, sie ritt bis zum M-Niveau, das Bild zeigt eine junge Schönheit mit hellem Haar und feinen Gesichtszügen. Die Enkel auf dem Pferd, die Söhne. Doch die einprägsamsten Erinnerungen mit Pferden, die verbindet Kurd Albrecht von Ziegner mit den Kriegszeiten in der Kavallerie. Als das Leben noch vom Pferd abhing. 

Polen, zweiter Weltkrieg. Zwei Mal hat ihm ein Pferd das Leben gerettet. Bei Nacht im Wald, er ritt vorn rechts an seinem Spähtrupp, etliche Männer und Pferde hinter ihm, für die er verantwortlich war. Plötzlich stockte sein Reitpferd ohne ersichtlichen Grund. Intuitiv rief Albrecht Kurd von Ziegner „Deckung!“, alle sprangen seitlich ins Gebüsch – und schon knatterten die Maschinengewehre. Seine Reiter galoppierten zurück, alle überlebten. Was sich aufgeschrieben liest, wie eine heroische Kriegserzählung, klingt im Gespräch mit dem 97jährigen völlig anders. Er wird leise, in sich gekehrt, der Schrecken und der knapp entgangene Tod schwebt im Raum.

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mit-91-Jahren-noch-im-Sattel

So ist es auch mit der zweiten Episode, die er als einprägsamste Erinnerung mit Pferden nennt. Russland, im Winter, Schneesturm, die Augenbrauen sind verkrustet von Eis. Weite Wiesenlandschaften, er ist mit hundert Pferden, Reitern und Fahrzeugen unterwegs, er ist auf feindlichem Gebiet und muss zurückfinden zu den eigenen Truppen. Der Schnee ist knietief, die Pferde stampfen am langen Zügeln hindurch, sein Kompass funktioniert nicht mehr. Irgendwo hinter den verschneiten Wiesen liegt ein Fluss, und es gibt nur eine Brücke über diesen Fluss. Es sind Fahrzeuge dabei, sie können den Fluss daher nicht durchreiten, sondern nur über die Brücke queren. Er, der den Weg zeigen soll, und für alle Lebewesen verantwortlich ist, hat eigentlich keine Ahnung mehr, wo sie sind. Er lässt sein Pferd den Weg wählen. Als er erzählt, wie die Brücke vor ihnen auftaucht, und sein Pferd geradewegs darauf zugelaufen ist, muss er kurz innehalten. Es ist noch so nah. 

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Sein Alltag hat allerdings gar nichts mit der Vergangenheit zu tun. Kurd Albrecht von Ziegner ist jemand, der auch mit 97 Jahren nach vorn blickt. Er hat letzten Monat zwei Schriften verfasst  - die eine brisant, die andere höchst lehrreich. Jeder Satz geschliffen, kein Wort zu viel, keins zu wenig. So glasklar wie er spricht, schreibt er auch. Mit scharfem Verstand. Diese Schriften hat er uns in die Hand gedrückt – und sie werden hier noch eine große Rolle spielen

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Am Nachmittag, nach mehreren Stunden von Konzentration, essen wollte er nur mal einen Keks, aufrecht sitzt er auf dem Stuhl, er hätte eisern noch ein Stündchen und noch eins drangehangen. Eine Turnübung hat er uns zwischendurch erklärt, außerdem die Hilfengebung für das Schulterherein, und zudem eine Methodik, wie er sich aufrollende Pferde korrigiert (all das gibt es demnächst hier im Magazin zu lesen). Er hat geschimpft, auf eine provokante Frage entrüstet „Aber Nein! Das ist falsch!“ gerufen und später doch gnädig erwähnt, dass er die Fragen interessant fand, dass wir uns wohl Gedanken gemacht hätten. Ein Ritterschlag eines alten Meisters. So viel Wissen da, so vieles, was er auch gern noch weitergeben würde. 

Wir nehmen uns vor, bald wieder zu kommen. Und nehmen als letzten Eindruck Karamika auf der Weide mit. Eine Idylle, das Haus, die Bäume, das zufriedene Pferd, das in der Sonne ruht. Die Heimat eines Großen.