Anja Berans Blickschulung: Pferdegerechte Ausbildung erkennen

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Dieser Film ist ein Paukenschlag! Er zeigt Fehlentwicklungen im Ausbildungssystem auf und untermauert die Kritik mit Trickfilmen, die auf der Basis von echtem Filmmaterial auf internationalen Turnieren entstanden. Verändert wurden lediglich die Silhouetten der Reiter, so dass niemand persönlich angeprangert wird. Denn Dressurausbilderin Anja Beran geht es um die Sache: Zu früh und schnell ausgebildete Jungpferde und grobe Fehler in den Lektionen, die häufig nicht als solche gesehen und bewertet werden.

Jetzt schon ist der Film "Blickschulung - pferdegerechte Ausbildung erkennen" bei pferdia bestellbar, ab der kommenden Woche dann auch online hier bei pferdia sichtbar. Für alle, die neugierig auf den Film sind, haben wir hier einige wichtigen Aussagen und Hauptthesen von Anja Beran gesammelt. 

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Der Vortrag schafft einerseits einen Überblick über die Pferdeausbildung nach klassischen Vorbildern – meint: was wird wann gelehrt und warum. Diese Ausbildungsetappen werden  abgeglichen mit dem, was oftmals auf Turnieren zu sehen ist. Unterschiede werden in Trickfilm-Animationen genau gezeigt. Eine Tierärztin erläutert außerdem, was diese Unterschiede in der Bewegung jeweils im Pferdekörper auslösen und welche gesundheitlichen Folgen zu erwarten sind. 

Die Pferde bezahlen mit ihrer Gesundheit 

Nach dieser Analyse kommt Anja Beran zu dem Ergebnis, dass viele Entwicklungen im modernen Sportreiten zu Bewegungsveränderungen geführt haben, die unnatürlich sind und die Pferde falsch belasten, so dass die Gesunderhaltung des Pferdes nicht gegeben ist. Dafür findet sie sehr klare Worte: 

„Wir haben aus der Dressur, aus einer klassischen, natürlichen Ausbildung von einem Tier künstliche, artifizielle Abläufe gemacht, da kommen Bewegungen raus, die ein Pferd eigentlich gar nicht macht, die auch noch mit hohen Noten honoriert werden. Und die Pferde bezahlen dafür mit der Gesundheit!“

Der Beleg für diese Missstände ist Filmmaterial, das auf internationalen Turnieren aufgenommen wurde. Anja Beran erklärt, dass die Filmsequenzen von Europa- und Weltmeisterschaften stammen. Laut der Ausbilderin sind die gezeigten Pferde „teilweise Olympiade gegangen“, alle Filme stammen „aus der Spitze“, und gefilmt wurde auf Abreiteplätzen oder während der Prüfung. Daraus wurden dann Scherenschnitt-Filmsequenzen gemacht, und die Reiterfiguren verfremdet, denn: „Es geht nicht darum, wer das ist!“. Es gehe um die Sache, um einen Missstand im System. 

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Piaffe, Beispiel aus dem Ausbildungsstall von Anja Beran: Kruppe abgesenkt, Nase an der Senkrechten, Gelenke gebeugt und in Richtung unter den Schwerpunkt arbeitend.
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Piaffe, Beispiel aus einem Turniervideo. Die Kruppe ist hoch, das Bein herausgestellt, die Bewegung erscheint unterbrochen, das Genick ist nicht der höchste Punkt, die Reiterin sitzt hinter der Senkrechten.

Dafür zieht sie viele Videobeispiele heran, die zeigen, dass international erfolgreich gehende Pferde zum Teil eklatante Bewegungsmuster zeigen, die nicht mit korrektem Reiten und Ausbilden vereinbar sind. Da verharrt zum Beispiel ein Hinterbein stets länger in der Luft als das nächste, da ist der Schritt passig, da wirkt das Pferd zweigeteilt und die Bewegung fließt nicht mehr durch das Pferd, da ist die Parallelität der Gliedmaßen im Trabe unterbrochen, da werden keine Gelenke mehr ausreichend in der Versammlung gebeugt. All diese Beispiele lassen sie zu dem Schluss kommen: 

Die ganze Reiterei läuft in eine falsche Richtung, zum Schaden des Pferdes. Es geht nicht um Fehler suchen, sondern um die grobe Richtung der Reiterei, die längst, aus meiner Sicht, den richtigen Weg verlassen hat. Und es muss von uns Reitern, nicht von den Tierschützern, kommen, dass wir darauf pochen, dass etwas geändert werden muss!“

Ein Beispiel für solche verfremdete Aufnahmen, die Fehlentwicklungen darlegen, ist der direkte Vergleich von Pferden beim Rückwärtsrichten und in der Trabverstärkung. Jedes Mal zeigt sie im Trickfilm erst ein Pferd aus ihrem Ausbildungsstall, dann ein Turnierpferd. 

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Beim Rückwärtsrichten ist bei dem Pferd aus dem eigenen Stall zu sehen, dass es diagonal rückwärts tritt, dass es die Gelenke beugt und deutlich vom Boden abfusst. Das Pferd aus dem Sport (S-siegreich) tritt ebenso willig rückwärts, doch die Beine werden sehr nah am Boden rückwärts geführt, die Gelenke werden kaum gebeugt.

Der Film zeigt: Es ist nicht korrekt

Doch genau dieses Beugen der Gelenke ist ein ganz wichtiges Etappenziel bei der Ausbildung: Korrektes Rückwärtsrichten bringt Gewicht auf die Hinterhand, erklärt Anja Beran, und ist durch die diagonale Bewegung eine ideale Vorbereitung für die Piaffe. Das Genick soll oben sein, die Gelenke leicht gebeugt, so dass das Pferd vorn groß, hinten abgesenkt wirkt. Es soll nicht breit werden hinten, es soll nicht lang und auseinandergefallen da stehen. 

In der Trabverstärkung wird durch das Markieren der diagonalen Beinpaare (ein Beinpaar ist rot markiert, eins blau) gezeigt, dass die Parallelität der Gliedmaßen nicht immer gewährleistet ist. Das Sportpferd, das hier als Beispiel dient, zeigt eine spektakuläre Aktion mit der Vorhand. Die Hinterhand kommt jedoch unzureichend mit, sie schiebt nach hinten raus, das linke Hinterbein verharrt länger in der Luft als das rechte, die diagonale Parallelität der Gliemaßen ist nicht mehr gegeben, die Bewegung im Pferd erscheint unterbrochen. Zudem ist das Pferd hinter der Senkrechten und der Reiter sitzt ebenso leicht hinter der Senkrechten.

Was dies gesundheitlich für das Pferd bedeuten kann, erkärt die Co-Referentin dieses Vortrags, Tierärztin Elisabeth Albescu:  Der Nackenbandzug ist zu stark, was zu Verkalkungen  am Ansatz des Nackenbandes führen kann. Dies sei nämlich der Versuch des Körpers, das Nackenband zu verstärken. Dies wiederum führe zu weniger Beweglichkeit im Genick und damit langfristig zu Schmerzen für das Pferd.

Ein Freund der Richtlinien

Vielfach zitiert die Ausbilderin Anja Beran bei Ihren Ausführungen die Richtlinien für Reiten und Fahren und auch andere Quellen, zum Beispiel die Schrift von Carl Friedrich Mossdorf namens ‚Die Kavallerieschule Hannover’.  Über die Richtlinien sagt sie: 

„Ich bin ein großer Freund der Richtlinien  - weil  da ist wirklich alles drin, was man braucht. Das Problem ist, dass die meisten sich eben nicht daran halten oder das auch so ein bisschen eigen interpretieren.“

Die Richtlinien, das Standardwerk der Deutschen Reiterei, zitiert sie auch schon ganz zu Beginn dieses Vortrags, als es um die Jungpferdearbeit geht. Schon hier, bei der Grundausbildung, sind die Unterschiede gravierend zwischen dem, was in den Richtlinien steht und was klassische Ausbilder wie Anja Beran praktizieren, im Vergleich zu den Bildern, die man auf typischen Materialprüfungen sieht. 

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Anja Beran kritisiert, dass die jungen Pferde prinzipiell zu früh und zu viel geritten werden. Dreijährige sollen ausschauen wie Sechsjährige, beanstandet sie, die Pferde würden häufig mit der Hand in eine Haltung manipuliert und spektakulär vorgestellt – auf Kosten der Gesundheit und der reelen Ausbildung. Eckpunkte, die eine reele Grundausbildung garantieren, sind für sie unter anderem: Dass das junge Pferd keine sich wiedersprechenden Hilfen erfährt (kein vorn halten und hinten Druck machen!) und dass keine Hilfszügel eingesetzt werden. 

Häufig jedoch seien Jungpferde zu eng eingestellt und mit der Hand in eine Form manipuliert. Wie schädlich das ist, erklärt Tierärztin Elisabeth Albescu, die immer wieder Anja Beran im Vortrag aus medizinischer Sicht unterstützt. Sie erläutert hier zum Beispiel, was im Körper des Pferdes passiert, wenn die Pferde zu früh zusammengestellt werden. Wenn der Hals nicht als Balancierstange genutzt werden kann, hält nämlich das Nackenband passiv das Gewicht, und Muskelverspannungen sind erst der Beginn eines Teufelskreises.

Doch es wird nicht nur Kritik geübt, Anja Beran zeigt auch immer wieder an Beispielen auf, wie es sein soll. Entweder durch eigene Fallstudien oder auch durch historische Filmdokumente. 

Das Pferd wird dem Markt angepasst

Ein typisches Programm für einen Dreijährigen bei Anja Beran wären zum Beispiel drei Mal die Woche zehn Minuten Reiten unter einem leichten, routiniertem, unerschrockenen Reiter. Das Pferd darf dabei den Hals als Balancierstange nutzen, es wird in keiner Weise in eine Haltung gezwungen. Sie berichtet, dass die Reaktion auf eine solche Hals-Kopf-Position auch schon mal wäre, dass Menschen sagen: „So können wir das Pferd aber nicht verkaufen, der geht ja noch nicht mal am Zügel!“ 

Ihre Entgegnung daraufhin: „Stimmt, der darf auch langweilig daher traben, mehr braucht er nicht als Dreijähriger!“

Die Ausbilderin spricht sich dagegen aus, dass das Produkt Pferd dem Markt angepasst wird – so wie es inzwischen gängig ist: „Das Pferd muss in eine Form gebracht werden mit Strampeltritten, mit einer Aufrichtung, die ihm noch nicht zusteht, damit der Kunde, der Mark bedient wird!“, sagt sie. Was tun? Anja Berans Rat: Die Kunden aufklären, damit mehr Menschen erkennen können, wie ein dreijähriges Pferd gehen darf.

Genau diese Aufklärung ist es, um der es der Ausbilderin in diesem Lehrfilm geht. „Wenn es nur noch darum geht, die Beine höher zu reißen, spektakulär zu wirken, und die Pferde danach immer früher verschlissen sind, dann stimmt irgendwas nicht mehr!“, sagt sie. 

Nachdem erste Ausschnitte aus dem Film auf unserer facebookseite innerhalb kürzester Zeit immens häufig geteilt wurden, hoffen wir, dass sehr viele Reiter Anja Berans Botschaft wahrnehmen. Für die Pferde. 

>>> Der Film ist als DVD bereits im DVD- und Bücher-Shop von wehorse vorbestellbar. Er kostet 34,90 Euro.