„Chris Bartle ist es total egal, ob Du dicht oder weit zum Sprung kommst!“

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Mit Vielseitigkeitsreiterin Juliane Barth habe ich über den britischen Nationaltrainer der Vielseitigkeitsreiter, Chris Bartle, gesprochen. Ihr seht sie oben links im Bild. Juliane hat letztens bei ihm ein Training in Deutschland geritten und ich habe ihn für eine Reportage der Reiter Revue in England besucht und so seinen Unterricht dort angesehen (Schnappschüsse davon mittig und rechts oben im Bild).

Er unterrichtet jeden mit gleicher Inbrunst

Ich war und bin begeistert von diesem Unterricht, denn Chris Bartle lehrt mit Inbrunst. Ich habe nur ordentliches, pferdefreundliches Reiten gesehen und er hatte für jedes Reiter-Pferd-Paar speziell passende Ideen. Doch eins war bei allen ähnlich: Der Sitz vor und über dem Sprung. Das unterrichtet er nämlich schon sehr anders als üblich und daher ist es sehr interessant! Unbedingt wollte ich daher von Juliane wissen, wie sie das als Reiterin erlebt hat.

Neue Live-Interview-Serie

Dies hier ist übrigens der erste Teil einer neuen Live-Interview-Serie. Denn das Gespräch mit Juliane habe ich live auf Instagram geführt, heute könnt ihr es Euch dort auch noch ansehen, bevor es sich automatisch löscht (hier, unter Storys).

Juliane bloggt auf www.julis-eventer.de, wofür sie in diesem Jahr mit dem Medienpreis Silbernes Pferd ausgezeichnet wurde. Außerdem ist sie für den Vielseitigkeitssport in Tryon gewesen, um von den Weltreiterspielen dort zu berichten und Videos zu senden – denn beruflich ist sie Producerin, beschäftigt sich also mit Filmen.

Meine Live-Interviews werden von nun an Sonntags auf Instagram auf meinem Account alifewithhorses_de zu finden sein!

Juliane, die häufigste Frage, die meine Blogleser an Dich haben ist: Wie schafft man das bitte, bei Chris Bartle zu reiten?
Das ist gar nicht so kompliziert, ich habe mich einfach angemeldet! Ich wohne in der Nähe von Luhmühlen und  habe mich dort für einen Lehrgang mit ihm angemeldet. So wie jeder andere normale Mensch auch. Das ist wohl nicht ganz billig.

Sag kurz, was hast Du denn bezahlt?
140 Euro für zwei Mal reiten.

Finde ich okay.
Ja, das ist oberes Segment, aber für so jemanden bezahle ich das gern.

Die Preise für Reitunterricht bei Chris Bartle in seinem Stall, dem Yorkshire Riding Center, findet man auch ganz einfach auf seiner Homepage und die sind auch wirklich human für einen Trainer dieses Formats. Beeindruckend fand ich auch, wie er unterrichtet. Als ich da war, gab er zum Beispiel auch einem 18jährigen Jungen auf A-Niveau Unterricht, und das mit Inbrunst.
Das war bei uns auch so. Nessi kann nun mal auch nicht mehr als A. Von Reiten her war es bei unserem Lehrgang auch sehr unterschiedlich, manche saßen ganz sicher oder hatten gerade ihr 3-Sterne Pferd bei Michael Jung abgeholt, das ist auch ein ganz anderes Niveau, als ich und Nessi. In unserem Lehrgang war es sehr fair, er hat keinen sehr gern gehabt und es gab auch keinen, dem er nix gesagt hat.

Gab es denn irgendeine Klasse ab der man da mitreiten durfte, oder hätte ich mich auch als Jeannette mit Purzelpony anmelden können?
Voraussetzung war, dass man ab A sicher reitet. Der Lehrgang kam per Newsletter, wenn man da drin ist und wenn man schnell genug ist, bekommt man einen Platz. Am Ende der Saison ist das natürlich anders als zu Beginn der Saison. Mir wäre das aber egal, wann der ist, ich würde immer mitreiten! Aber es waren zuletzt sogar noch ein paar Plätze zu haben, wohl weil das nicht am Anfang der Saison war, sondern nach Tryon.

Dazu muss man sagen, Chris Bartle hat in Tryon bei den Weltreiterspielen Gold mit dem Team und Gold mit seiner Einzelreiterin als Trainer geholt!
Ja, sie hat die ganze Reitweise umgestellt und Chris stellt auch echt viel um, muss man sagen!

Ross Canter, die Einzel-Goldmedaillengewinnerin in der Vielseitigkeit bei den Weltreiterspielen, hat in mehreren Medien erwähnt, dass er ihr Reiten so stark verändert habe. Ich habe ihn in England gefragt, was genau er denn gemacht habe. Erst wollte er - ganz gentlemanlike - das nicht selbst erzählen. Aber dann hat er mir doch sein eisernes Pferd gezeigt, das ihr auch sehr geholfen hat. Das ist eine Waagenkonstruktion, ein Rumpf und ein Kopf verbunden mit einer beweglicher Achse. Im leichten Sitz geht das Ding mit Kopf und Hals runter, der Reiter kann es nicht im Gleichgewicht halten. Doch im „Oh shit“- Sitz nach Chris Bartle, also Füße vor die Knie, der Oberkörper soll aufrecht bzw. nach hinten gelehnt sein bei schwierigen Situationen, erhält der Reiter einen größeren Hebel. Du bekommst das Pferd wieder hoch, aber nicht über das Maul, sondern aufgrund der Stabilität des Sitzes. Das war wohl auch für Ross Center ein wichtiges Lernerlebnis.War das ähnlich bei Dir, was Du bei ihm über den Sitz gelernt hast?
Er ist auf jeden Fall ein Sitzfanatiker! Alle mussten erst mal die Bügel zwei Löcher kürzer schnallen und am ersten Tag so zehn Runden galoppieren. Jeweils mit allen vier Sitzpositionen mit diesen kürzeren Bügeln (welche das sind, erfährst Du in diesen Lehrvideos mit Chris Bartle). Erst im Rennsitz, nah am Hals, dann Aufrichten vor dem Sprung. Bei mir hat er viel das mit den Augen gesagt.

Dass man nach oben schauen soll vor und über dem Sprung und nicht auf den Sprung schauen soll?
Ich habe das zwar schon 800 Mal gehört, nicht auf den Sprung zu sehen, aber es war nochmal ein extremer Unterschied. Ich sollte nicht mal waagerecht mit den Augen über den Sprung hinwegschauen, sondern nach oben gucken, in die Bäume. Dadurch gibst Du den Pferden noch mehr Raum. Am zweiten Tag habe ich einen extremen Unterschied gemerkt. Du sitzt so viel stabiler! Mit dem Sitz bist du immer ausbalanciert dran.

Wie hat sich das anfangs für Dich angefühlt?
Man muss das schon ein bisschen üben, deshalb war es schade, dass der Lehrgang im Oktober war. In diesem Rennsitz mit den kurzen Bügeln bist Du nicht direkt im ersten Galoppsprung ausbalanciert. Du wackelst erstmal da oben drauf. Wir reiten ja nie so, in so einem Jockeysitz. Das müsste man jetzt ein, zwei Mal die Woche üben, um den ausbalancierten Sitz zu erlangen. Nach den zwei Tagen im Lehrgang ging das schon halbwegs, aber wenn ich das den ganzen Winter über jetzt nicht mache, dann fange ich im März von vorne an!

Wann hast Du den Rennsitz denn das letztes Mal geübt?
(Juliane lacht und sagt: ) Gar nicht! In einer 40er Halle kommt das nicht so gut!

Brauchst Du dafür eine Galoppstrecke?
Schon, die müssen richtig galoppieren, nur so kannst Du die Balance finden, bei vielen Wendungen bist Du da schnell raus.

Ich wüsste gern, wie bei Dir das Gefühl war, während Du das ausprobiert hast mit dem nach oben gucken. Lass' mich kurz ausholen: Ich habe diese Themen im Unterricht bei ihm in England angesehen, wir standen da alle im Unterricht im strömenden Regen, obwohl er eine Halle hat. Wie unfassbar toll, wenn man auf dem Level unterweg ist, der stand da einfach mit Schirmmütze und Parka im Regen und alle Besitzer standen glücklich auch im Regen. Dieses „Guck nach oben“ habe ich mir gut eingeprägt. Ich bin jetzt nicht der geborene Springreiter, aber tatsächlich springe ich schon mal kleine Kreuze und Oxer. Ich habe eine ganz tolle Springreiterin, die mir dabei hilft, Isabelle. Letztens fragte sie mich: „Wo guckst du denn da eigentlich hin?“ Ja nach oben, habe ich gesagt, das hab’ ich bei Chris Bartle gelernt. „Guck den Sprung an, damit Du weißt, wo Du hinreitest“, hat sie gesagt.  Da habe ich gemerkt, dass ich viel schneller Angst bekomme, wenn ich auf den Sprung gucke. Wenn ich hingegen nach oben gucke, habe ich keine Angst. Ich nehme mal an, Du bist nicht so ein Schisser, aber kennst du das Gefühl?
Ich bin eher auch ein nach unten Gucker. Ich gucke die Distanz an und dann den Sprung. Ich habe auch immer gelernt: guck geradeaus, guck über den Sprung hinweg, dann bleibst Du gerader im Oberkörper. Bei Chris bedeutet nach oben gucken jedoch sich komplett zu lösen vom Sprung und von der Distanz. Chris ist kein Distanzgucker, das ist dem egal ob Du da dicht dran kommst oder groß. Eigentlich ist das auch richtig: Im Gelände ist das egal, wenn Dein Sitz und Dein Galopp stimmen. Solange Du im Gelände nicht schiebst oder ziehst,  bekommt das Pferd das auf die Reihe. Diesen Moment fand ich schwer, sich von der Distanz lösen mit dem Auge und im Sitz dabei stabil zu bleiben.

Den zweiten Teil des Interviews, Themen sind Trainingseinteilung, Faszination Geländestrecke und Mutter-Tochter-Pferde, findet Ihr direkt auf www.alifewithhorses.de!

Foto oben links Laura Gause, mittig und rechts alifewithhorses.

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