Philippe Karl: Das Märchen von der verkürzten Stützbasis

Vortrag-Philippe-Karl

Er ist mutig.

Er ist provokant.

Er rüttelt an Säulen der Reitlehre.

Diese Eigenschaften kennt man von Philippe Karl. Mit seinem Standardwerk „Irrwege der modernen Dressur“ hat er die Lehre nachhaltig beeinflusst – auch wenn das nicht jeder zugeben mag. Nun hat er ein neues Stück veröffentlicht, dass in seiner Brisanz diesem Buch in nichts nachsteht. Er greift darin gleich zwei goldene Kühe der offiziellen Reitlehre auf: Erstens die Versammlung als Ergebnis von einer verkürzten Stützbasis des Pferdes. Zweitens: die Wirkung der halben Parade. Diesmal in der Form eines verfilmten Theorievortrags, den es als DVD zu kaufen gibt oder komplett als Streaming in der pferdiathek. Er heißt: "Versammlung - Wunsch und Wirklichkeit". Seine Kernthesen:

„Das Versammeln des Pferdes im Trab durch Verkürzen der Stützfläche entspricht keinerlei Realität.“

„Die halbe Parade ist abzulehnen, weil sie wider der Natur des Pferdes geht.“

Philippe-Karl-hält-Vortrag
Verkürzung-des-Abstands
Hinter- zu Vorderbein? 

Deutlich meinungsstark. Diese Thesen belegt Philippe Karl durch wissenschaftliche Studien und durch Fotomaterial von Reitmeistern wie Nuno Oliveira oder Egon von Neindorff. Zudem bezieht er sich auf die Lehren von La Guériniére und natürlich von Baucher. Philippe Karl ist überzeugt:

„Eine unbequeme Wahrheit bringt uns weiter als ein beruhigender Irrtum“

Ein kleiner Einblick in seinen Argumentationsstrang: Zunächst fasst Philippe Karl die gängige Lehre zusammen, wie Versammlung funktioniert. Also: die Hinterbeine fußen in Richtung unter den Schwerpunkt, die Hanken beugen sich, der Rücken wölbt sich auf. Die Stützbasis des Pferdes verkleinert sich, indem es die Hinterhand mehr unter den Körper schiebt.

Wissenschaftler unterstützen seine These

Dann schaut er sich an, wie sich das Pferd im Trab tatsächlich bewegt. Er zieht dazu Forschungsergebnisse der Bewegungsmechanik des Trabes heran, zwei wissenschaftliche Veröffentlichungen von der Amerikanerin Hillary M. Clayton, die im „Equine Veterinary Journal“ erschienen und das Buch von Dr. Nancy Nicholson „Biomechanical riding“. Die Wissenschaftler haben die Länge der Trabtritte vermessen, von Piaffe, Passage über versammeltem bis hin zum starkem Trab. Diese Forschungsergebnisse bestätigen die gängige Lehrmeinung, was das Verkürzen der Stützbasis betrifft, nicht! Philippe Karl zieht interessante Schlüsse aus diesen Forschungsdaten, hier eine kleine Auswahl:

  • Je mehr Versammlung, desto langsamere Trittfrequenz (widerspricht der häufigen Forderung „der Takt muss gleich bleiben“)
  • Piaffe ist keine Form von Trab! Es gibt hier keine Schwebephase mehr
  • Passage bietet die höchste Versammlung von Trab
  • eine extrem verkürzte Stützbasis in der Bewegung ist nicht anatomisch möglich
Philippe-Karl-analysiert

Nuno Oliveira machte es vor

Wie sieht es nun mit der Stützbasis in der Passage aus, der Lektion, die wie er nun belegt hat, die höchste Versammlung im Trab bietet? Philippe Karl hat Humor, er zieht keine eigenen Reitbilder zur Argumentation heran. Augenzwinkernd sagt er dazu: „Ich bin ja ein schrecklicher Baucherist, ich könnte die Passage ja auch einfach nicht richtig reiten!“ Also analysiert er stattdessen historische Bilder von Nuno Oliveira und anderen anerkannten Reitmeistern in der Passage. Er zeigt, dass auf diesen Bildern die Stützbasis, gemessen am Abstand zwischen Röhrbein des Vorderbeins und Röhrbein des Hinterbeins, keinesfalls verkleinert ist.

Nuno-Oliviera-auf-Andrioso

Es folgt eine differenzierte Auseinandersetzung der Lektionen Piaffe und Passage. In der Piaffe funktioniert die Versammlung tatsächlich über eine Verkleinerung der Stützbasis – weil das Pferd dabei nicht oder nur minimal vorwärts geht. Das Pferd muss vermehrt untertreten und sich nach oben abdrücken.

Piaffe-und-Passage-vergleichen

Philippe Karl erklärt, warum die Lektionen sehr unterschiedlich sind und warum gerade die Verbindung beider Lektionen so schwierig sein kann. Den Abschluss bildet die Übertragung in die Praxis: Was kann der Reiter aus diesen Erkenntnissen für sein Reiten lernen? Was sollte vermieden werden, was sollte gefördert werden? Er spricht sich in diesem Zusammenhang gegen den Einsatz der halben Parade, also der Gleichzeitigkeit von treibenden Hilfen und verhaltenden Zügelhilfen aus. Ein Thema, das in seiner Lehre schon immer großes Gewicht hatte und das duchaus auch von FN-nahen Ausbildern vertreten wird – auch wenn diese das oft nicht gern auf der großen Bühne erklären, wie es ein Philippe Karl tut. Seine Thesen spickt er   mit Zitaten von La Guériniére und betont die Gemeinsamkeiten dieses Ausbilders mit dem oft kritisierten Baucher.

Wir meinen: Das ist sehenswert.