Warum es keine absoluten Wahrheiten bei Pferden gibt

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Ich werfe mal vier Thesen in den Raum. Für die würde ich sicher von einigen Leuten Applaus bekommen. Den ich mir jedoch nicht abhole. Denn sie haben alle einen fetten Haken.
  1. Sperrriemen gehören abgeschafft.
  2. Ein Sattel muss so passen, dass kein Pad nötig ist.
  3. Pferde brauchen keine Decke, die zerstören nur die Thermoregulation.
  4. Die Dehnungshaltung bringt Pferde auf die Vorhand und ist daher schädlich.
Stell’ Dir einen dieser Sätze auf einem dekorativem Foto vor. Dieses dann gepostet auf Facebook oder Instagram. Ich würde garantiert Zustimmung und Likes erhalten. Das funktioniert, weil es eine einfache Botschaft ist, die emotional trifft (wir wollen die Pferde schützen!). So kann man sich auf einfache Weise eine Anhängerschaft schaffen. Und bestimmt auch gut Workshops, Seminare oder Bücher verkaufen. Nur: Stimmt das alles nicht. Keine dieser Thesen ist komplett richtig. Und keine ist komplett falsch. Überraschung: Es ist nicht ganz so einfach. Problem an der Sache: Für ein „Ja, aber“ oder ein „kommt drauf an“ erhält man weniger Zuspruch. Die Meinung ist weniger plakativ und lässt sich nicht flott konsumieren. Und sich damit auch weit weniger einfach verkaufen.

Was ist wahr?

Allerdings sind differenzierte Meinungen näher an dem dran, was man Wahrheit nennen könnte. Wahrheit ist häufig nicht so ganz eindeutig - sie kann von verschiedenen Seiten anders aussehen (Kennt Ihr die Illustration mit einer 6, die auf dem Boden gezeichnet ist? Je ein Mensch schaut von Kopf- und Fußseite darauf und jeder behauptet „Klar eine 9!“ bzw. „Klar eine 6!“. Beide haben recht). Und, noch komplizierter: Sie verändert sich!

Welches Gebiss ist richtig?

Zwei Ausbilderinnen haben mich letztens daran erinnert. Das eine war Sara Oliveira, die Enkelin von Nuno Oliveira. Ich zeigte ihr mein neues Gebiss, eine Nathe-Stange. Ich bin sehr begeistert davon, meine Ponystute mag es. Es war sehr schwierig, ein ihr angenehmes Gebiss zu finden. Zuvor habe ich ziemlich viele Varianten ausprobiert, von doppelt gebrochen, einfach gebrochen, Olivenkopf, Wassertrense bis zu Schenkeltrense aus diversen Materialien war alles mögliche dabei, was der Markt an Gebissen für empfindliche Pferde bereit hält. Mit dieser Stange aus diesem biegsamen Kunststoff kaut sie auf angenehme Art. Nicht hektisch-ruppig, sondern so, wie es sein soll. Die Stange liegt schön ruhig im Maul und ist nicht zu dick, das Ponymaul bietet nämlich nicht viel Platz. Sara war zunächst interessiert-skeptisch. Dann hat sie uns ein paar Runden zugesehen und sagte: „Ja, momentan ist das wirklich das bessere Gebiss für sie. Vielleicht müssen wir das in einiger Zeit nochmal wechseln, aber momentan ist es die beste Wahl!“ Finde ich auch. Und ich fand, das war eine kluge, differenzierte Antwort. Denn das, was heute richtig ist, kann morgen schon wieder falsch sein. Weil wir mit Lebewesen arbeiten, die sich verändern und die sich hoffentlich positiv durch die Arbeit mit uns verändern.

Welches Reithalfter ist vertretbar?

Die andere Ausbilderin war Claudia Butry, deren Wahlspruch „it depends“ ist. Meint: Es kommt drauf an, was richtig ist, das Pferd entscheidet. Zum Beispiel auch beim Thema Reithalfterwahl. Letztens bin ich in einem Text gegen Sperrriemen verlinkt worden. Einerseits freut es mich, verlinkt zu werden, wenn es um Tierschutz geht. Denn ja, ich finde es wichtig, den Lebewesen, die keine eigene Stimme haben, eine zu geben. Immer wieder neu zu überlegen: Ist das fair? Ist das richtig? Deshalb ja auch die Aktion #betterhorsesport.

Sperrriemen können böse sein, müssen es aber nicht

Andererseits bin ich eben kein totaler Gegner von Sperrriemen an sich. Ich bin ein Gegner von Sperrriemen, die zu fest angezogen werden, ja. Aber es sollte je nach Pferd entschieden werden: Habe ich einen Kandidat, dem es gut tut, rund um die Maulpartie einen Kontakt zu fühlen? Und wenn ja, welchen mag er? Ein hannoversches Reithalfter? Oder ein englisches? Ein kombiniertes? Wie kommt Ruhe in die Zäumung rein, womit liegt das Gebiss möglichst ruhig im Maul, worauf reagiert das Pferd positiv? Tatsächlich nutze ich selbst seit Jahren keinen Sperrriemen. Wohl schon mal ein hannoversches Reithalfter. Doch ich finde es einfach zu kurz gedacht, korrekten Umgang mit dem Pferd daran fest zu machen, ob man einen Sperrriemen benutzt oder nicht.

Gut gemeint und oft daneben: Über Thermoregulation und Pferdedecken

Im zweiten Teil dieses Textes auf www.alifewithhorses.de liest Du über die Kritik an der Dehnungshaltung, die überall im Netz momentan herum geistert, über die Thermoregulation des Pferdes und warum es Sinn macht, sich genauer damit zu beschäftigen, ob das Pferd eine Decke braucht und wenn ja, welche Dicke richtig ist. Auch zum Thema Pad oder keine Unterlage unterm Sattel findest Du da ein Erlebnis (eine Richterin, die an der Bande lästerte). Wenn Du mit mir zu dem Thema diskutieren willst, ist das ebenso drüben auf dem Blog in den Kommentaren möglich.
banner-wehorse