Reitweisen: Wann der Blick über den Zaun gefährlich wird

zaun

Hier ein Seminar, da ein neues Fachbuch: Alles gut und schön und wichtig. Doch es gibt eine Grenze. Ausbilder-Hopping kann nämlich Pferd und Mensch ganz schön verwirren. Eine Bestandsaufnahme.

Vor zwei Wochen erzählte ich Euch, warum Reiten lebenslang lernen ist. Und huldigte zwei Menschen, die gern über den Zaun schauen. Was ich verschwieg: Das ABER dabei. Denn es gibt eins, leider. 

Das Problem: Neue Reitweisen zu testen oder sogar bloss einfach mal anzuschauen, mündet häufig in völliger Verwirrung. Das in-andere-Schubladen-gucken bereichert erst, wenn man ein Fundament hat.

Mit dieser Meinung bin ich nicht allein. Letztens erst erzählte mir eine befreundete Ausbilderin, wie verwirrt ihre Kunden manchmal von anderen Seminaren kommen. Sie fährt als mobile Reitlehrerin von Kunde zu Kunde. Häufig wird sie mit neuen Seminarerfahrungen oder neuem Bücherwissen ihrer Kunden konfrontiert. 

Aufgeschnappte Weisheiten

Das ist nicht immer hilfreich –  oft fehlt nämlich sogar das Bewusstsein dafür, dass man soeben von einer Reitweise (daheim) zu einer anderen (neues Seminar) gewechselt hat. Neu aufgeschnappte Weisheiten können den ganzen bisher angedachten Ausbildungsweg gedanklich aushebeln. Dann nämlich, wenn der Schüler im Kopf ein dickes, fettes "Aber!" mitbringt. Doch Lernen funktioniert nur, wenn der Schüler auch gedanklich beim Lehrer mitgeht, statt sich geistig auszuklinken.

Ich kenne diese Ausbilderin, und kann mir gut vorstellen, dass sie die meisten Schüler auch in solchen Phasen der neuen Ideen gut unterstützen und wieder abholen kann. Nur: meist bringt der Blick über den Tellerrand in einem frischen Ausbildungsstadium einfach gar nichts. Er stiftet Verwirrung und wirft das Team zurück. 

Weil es doch etwas mehr braucht, als mal irgendwo hereinzunasen, wenn man eine andere Philosophie verstehen will. 

Reiten anfangen? Nie wieder!

Das Erste, was man braucht, damit das Ideen holen woanders auch funktioniert, ist eine gefestigte eigene Position. Und bis man die hat, das dauert. 

„Heute würde ich nicht mehr mit Reiten anfangen wollen“, sagte eine andere Bekannte letztens. Sie hat viele Jahrzehnte lang Pferdeerfahrung. Sie weiß, was sie tut. Doch sie würde heute nicht mehr noch mal neu anfangen wollen, weil es an jeder Ecke der Pferdewelt andere Theorien und Angebote gibt.

Es ist eben schwierig, all diese für sich einzuordnen (Bye the way: Das ist übrigens mein Beruf. Die Nase in alle möglichen Facetten reinzustecken, zu verstehen, zu hinterfragen, und weiterzugeben.) 

Die gefestigte eigene Postition

Dieselbe Bekannte erzählte mir, dass eine Freundin zu ihr gesagt habe: „Ich vermisse Dich so im Stall! Als Du noch da warst, da wusste ich, wen ich fragen konnte, und auf wessen Meinung ich mich verlassen konnte.“ So war die erfahrene Pferdefrau der Filter für die Jüngere.

Genau das fehlt oft: Ein eigenes Koordinatensystem. Oder eben eine Vertrauensperson, auf dessen Urteil man zählen kann. 

Es ist das gewachsene Wissen, das oft nicht da ist. 

Nie war es so einfach wie heute, in andere Sparten der Reiterei zu blicken. Oder sich verschiedene Informationen über Fütterung und Haltung zu besorgen. 

Ab in die USA

Früher war die Reiterwelt klein: Es gab zum Beispiel drei umliegende Reitvereine, ein paar Züchter und Privatpferdehalter. Das war alles, was als Beispiel für Haltung und Reiten zu haben war – abgesehen von ein paar Monatsmagazinen und Büchern. Zwangsläufig blieb man länger im eigenen Sumpf stecken. Mit all dessen Vor- und Nachteilen: Intensives Lernen, allerdings hinter Mauern. Inspiration, andere Wege: Fehlanzeige. Wer was anderes lernen wollte, musste große Wege zurücklegen (Linda Tellington-Jones aus den USA holen, oder zu Horseman wie Tom Dorrance in die USA fahren, zum Beispiel).

Heute gibt es für jede Strömung die unterschiedlichsten Foren, facebook-Gruppen und facebook-Fanseiten. Internetseiten, die ganze Fangemeinden generieren und alternative Ausbildungssysteme, die in sich geschlossen funktionieren. Alles ist möglich, und ob man so lange verweilt, bis man tatsächlich erfasst hat, um was es geht, bestimmt der Mensch selbst. 

Und das ist das Glück und die Krux zugleich. 

Es ist ein Segen, dass es leicht möglich ist, über den eigenen Tellerrand zu blicken. 

Doch dies bleibt nur ein Segen, wenn der Mensch fähig ist, es einzuordnen. 

Er braucht eine Basis, von der aus er einschätzen kann. 

Ansonsten endet es in bloßer Verwirrung. Was man tun kann? Sich dessen bewusst sein. Kein Ausbilder-Hopping in den ersten Jahren seiner eigenen Ausbildung veranstalten. Sich Zeit geben, zu lernen.

Was Ausbilder tun können

Das hier soll kein Plädoyer fürs Lernen mit Scheuklappen sein. Niemand soll weniger Wissen aufsaugen, oder weniger Bücher lesen. Doch fragt Eure Ausbilder, weshalb sie Dinge auf ihre Art tun, wenn ihr gerade woanders von anderen Methoden gehört habt. Lasst kein ABER im eigenen Kopf unausgesprochen stehen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass Ausbilder heutzutage auch dieses Filtern von Informationen als Teil ihres Jobs begreifen. Und im Dschungel der Informationen begleiten, statt zu verteufeln. Denn genau das müssen Ausbilder leisten: Kompass werden. 

Ja, das kostet Zeit und Mühe. Es gibt aber ganz viel: Es sichert zufriedene Kunden. Letztens las ich einen sehr schönen und sehr einfachen Spruch:

Pferde haben Zeit. 

Wir können viel von ihnen lernen. Als Reiter und Ausbilder. Das gilt für uns alle.