Die Einbeinstütze im Trab – ein Problem moderner Pferde?

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Traben Sportpferde heutzutage oft gar nicht mehr richtig, sondern nutzen ihre diagonalen Beinpaare verzögert voneinander?  Haben die Sportpferdezucht und der Wunsch nach immer mehr Spektakel am Markt dazu geführt, dass Sportpferde heute weniger belastbar sind als früher? Wird falsch gezüchtet, falsch geritten?

Die Diskussion in den sozialen Netzwerken dazu ist scharf, das Wort ‚Einbeinstütze’ ein Reizwort. Doch oft fehlt der fachliche Background. Ein E-Book zum Thema findet erstaunliche Antworten.

Rezension & ein E-Book für zwei Leser

Der ein oder andere von Euch wird die Diskussion mitbekommen haben: Immer häufiger wird gestritten, wie es denn sein kann, dass viele Pferde im Trab nicht tatsächlich diagonal abfußen, sondern die diagonalen Beinpaare zeitverzögert im Trab nutzen. Woher kommt das wohl? Ist dies ein Taktfehler, reiterlich bedingt? Ist das etwas, das man bei immer mehr jungen Reitpferden sieht? Und auf Körungen, auf Zuchtschauen? Ist das gar ein Zuchtproblem? Züchten wir Pferde, die nicht mehr korrekt traben, sondern nur spektakulär?

Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema habe ich letztens im Netz gefunden. Ein E-Book mit vielen Foto-Beispielen und einer 38-Seiten-Diskussion, was es denn mit diesem Bewegungsablauf auf sich hat. Es heißt: „Diagonale Einbeinstütze  - Ursachen und Auswirkungen“, geschrieben hat es Iris Wenzel vom Blog www.blog.hippothesen.de. Vorab: ich finde es sehr lesenswert. Denn es ist keine laute, polemische Vorlage, sondern ein kluger Beitrag zum Thema.

Glücklicherweise darf ich zwei Exemplare des E-Books verlosen (deshalb steht auch Werbung über dem Text). Wer eins gewinnen möchte, hinterlässt einen Kommentar auf meiner Blogseite - HIER. Da stehen dann auch alle genauen Bedingungen.

Was ist das überhaupt, eine Einbeinstütze?

Der Trab an sich ist ein Zweitakt, bei dem die diagonalen Beinpaare gleichzeitig abfußen, nach vorn schwingen und auffußen. Im Idealfall. Je besser die Möglichkeiten, zu fotografieren und zu filmen wurden, desto häufiger stellten viele fest: Uuups, das ist ja gar nicht immer so. Es kann sein, dass ein Bein früher landet oder abfußt als das dazugehörige Paarbein. In den allermeisten Fällen ist dies nicht mit dem bloßen Auge sichtbar. Nur Fotos oder Zeitlupenaufnahmen entdecken diese Taktunreinheit. Die Fachwelt übersieht das entweder stur  – oder aber erklärt diesen nicht-regelkonformen Bewegungsablauf zum riesengroßen Schandfleck der modernen Zucht und des Sports.

Was aber nun ist es? Wie gefährlich oder nicht ist die Einbeinstütze? Wie häufig kommt sie vor? Und was soll man tun, wenn die Bilder des eigenen Pferdes zeigen, dass es das auch macht? Dieser Frage widmet sich das gesamte E-Book. 

Einbeinstütze bei Spitzen-Dressurpferden

Iris Wenzel liefert in ihrem Buch den Beweis, dass der Moment der Einbeinstütze kein Warmblut-Problem ist, sondern bei vielen Rassen zu beobachten ist. Sie belegt dies mit Bildmaterial von Kladrubern, Reitpony, Vollblut, Haflinger und anderen Rassen. Ebenso tritt sie mit Bildmaterial den Beweis an, dass diese Phasen auch bei Fohlen (also ohne Reiterbeeinflussung) und auch bei nicht modern gezogenen Warmblütern vorkommt, dies also kein Problem der modernen Sportpferdezucht ist.

Positive und negative Trabverschiebungen

Dies ist das beachtlichste Moment des E-Books: Die Autorin hat keine Mühen gescheut, aussagekräftiges Bildmaterial zu bekommen und das Phänomen von vielen Seiten anzusehen. So ist zum Beispiel auch Bildmaterial berühmter klassischer Ausbilder verlinkt, Spitzen-Dressurpferde wie Belantis, Quaterback und Totilas sind zu sehen aber auch Bilder von Wildpferden werden zur Analyse herangezogen. Sie zitiert aus Studien, zum Beispiel einer namens „Equine sports medicine and surgery. Basic and clinical sciences of the eqiuine athlete“ von Hinchcliff, Kaneps und Geor. Darüber schreibt sie:

„Eine Untersuchung an Dressurpferden der Olympiade in Seoul 1988 hat gezeigt, dass etwa 15% der Trabtritte in der Trabverstärkung eine negative Dissoziation zeigen, während die höchstplatzierten Individuen ausschließlich positive Verschiebungen gezeigt haben.“

Das ist schon ein Hinweis auf ihre Conclusio: Es gibt Momente der Einbeinstütze, sogar häufig. Aber das ist kein modernes Problem. Das gab und gibt es immer. Viel wichtiger ist es, das Gesamtbild zu betrachten. Das ganze Pferd und seine Ausbildung. Und je mehr das Pferd fähig ist, hinten Last aufzunehmen und den Brustkorb anzuheben (beides ein immens wichtiges Ausbildungsziel und zusammenhängend!), desto häufiger gibt es Momentaufnahmen, die zeigen, dass Pferde mit dem Hinterbein im Trab zuerst auffußen, bevor das dazu gehörige parallele Vorderbein zum Boden kommt. Gleichzeitig ist hier eben nicht die Parallelität der Röhrbeine aufgehoben. Wer das nicht glauben mag, dem sei das gut bebilderte E-Book besonders empfohlen, das eben nicht nur passendes Bildmaterial zeigt, sondern diese Idee auch mit Studienergebnissen unterfüttert.

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Es gibt sogar Vorteile der Einbeinstütze

Die Autorin unterscheidet nämlich zwischen der Einbeinstütze, bei der zuerst das Vorderbein auffußt und derjenigen, in der zuerst das Hinterbein auffußt. Sie argumentiert mit einer Analyse des Gangbildes und Bewegungsapparates des Pferdes und erklärt hier stichhaltig, warum die eine Variante durchaus Vorteile hat und warum die andere für den Gesamtorganismus eher negativ zu werten ist. Dabei scheut sie sich nicht, selbst eine klare Position zu beziehen. Die folgenden Sätze stammen aus ihrem Schlusswort, passen aber genau zu dieser Thematik hier gut:

„Die Symmetrie der Fußfolge in der Pferdebewegung zu erhalten, scheint grundsätzlich ein vernünftiges und nachvollziehbares Ziel. Aber manchmal sind Dinge, die man auf den ersten Blick als einzig logische Schlussfolgerung betrachtet, trotzdem falsch.“

Iris Wenzel erklärt zudem, dass es für die Gesunderhaltung immens wichtig ist, dass in der Phase, in der ein diagonales Beinpaar nach vorn geführt wird, diese Beinpaare parallel sind. Aber auch hier muss stets genau geschaut werden. Es ist ein Unterschied, ob die Hinterhand zum Beispiel fortwährend nicht gut unter den Schwerpunkt arbeitet, oder aber ob diese Parallelität der Gliedmaßen für ein, zwei Tritte abhanden gekommen ist und in den nächsten Tritten wieder zu sehen ist.

Momentaufnahmen contra Ganganalyse 

Die Autorin fährt fort mit einer ganz genauen Betrachtung und Beschreibung des Gangbildes des Pferdes, zitiert wissenschaftliche Artikel zum Thema und widmet sich eingehend der Ganganalyse  – all das ist sehr spannend! Sie zeigt, wie die Ganganalyse des Pferdes erforscht wurde und stellt den Lesern die führende Forscherin zu diesem Thema vor – Hilary Clayton heißt sie.

Die große Stärke dieses E-Books ist seine unaufgeregte und informierte Art, sich dem Thema zu nähern. Die Autorin bleibt stets sachlich, zieht viele Quellen zu Rate und nutzt gutes Bildmaterial. Es ist ein mahnendes E-Book, das für Sachkunde und Wissen wirbt, und nicht lautstark Halbwissen verbreitet. So zeigt sie auch auf, wie es möglich ist, mit diesem und ähnlichen Themen selbst umzugehen:

„Wer Bilder von trabenden Pferden miteinander vergleichen möchte, darf nicht den Fehler machen, hierzu unterschiedliche Phasen heranzuziehen.
So wird es aber vielerorts gehandhabt. Dies geschieht in den meisten Fällen vermutlich nicht aus böser Absicht, sondern schlicht, weil kein anderes, besser geeignetes Bildmaterial vorliegt.

Eine eindeutige Beurteilung der Fußung kann jedoch ausschließlich in der Phase erfolgen, wenn das erste der beiden diagonalen Beinpaare den Boden berührt. Erfolgt die Beurteilung zu einem späteren Zeitpunkt, kann man daraus keine genauen Rückschlüsse mehr ziehen. Weiterhin kann eine Momentaufnahme im Moment des Auffußens niemals mit einer Momentaufnahme in der Schwebephase verglichen werden. Denn es ist eben nicht so, dass die Parallelität grundsätzlich in jeder Phase des Bewegungsablaufes bestehen muss. Wer korrekte Aussagen treffen will, darf nicht Äpfel und Birnen vergleichen.“

Durchtrittigkeit bei Sportpferden

Zudem spricht die Autorin Aspekte wie Durchtrittigkeit und Rückengesundheit des Sportpferdes an. Auch hier sehr überlegt und sachlich fundiert – hier ein gutes Beispiel:

„Die Beurteilung der Durchtrittigkeit beim Pferd empfiehlt sich nur in der als Stütze bezeichneten neutralen Position, bei der die Gliedmaße (Röhrbein) senkrecht stehen, weil dies der tiefste Punkt der Fessel ist.
Die Fessel hat die Aufgabe, die Aufprallenergie des Pferdes abzufedern und biegt sich hierzu notwendigerweise durch. Es ist Effekthascherei, mit Hilfe einer ungünstigen Bewegungsphase eben dies anzuprangern.“

 

Nach der E-Booklektüre ist vieles klarer – aber nichts einfacher! Das Thema ist komplex und daher nicht mit zwei Sätzen zu beantworten. Meinerseits gibt es für dieses E-Book eine absolute Empfehlung für alle, die Sachverhalte rund ums Pferd wirklich genau verstehen wollen. Wer neugierig geworden ist: Einen Blogartikel von der Autorin Iris Wenzel zum Thema gibt es hier zum Nachlesen. Weit intensiver ist natürlich das E-Book selbst. Das E-Book zur Einbeinstütze ist für 34,90 Euro in ihrem Shop auf ihrem Blog zu kaufen. Gewinnen könnt Ihr zwei Stück davon auf meinem Blog A life with horses, hier. Alle Gewinnspielbedingungen findet Ihr hier.

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