Ungewolltes Aufrollen – was Du dagegen tun kannst

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Diese Sache ist nicht einfach zu korrigieren, und so einige Leute kämpfen ihr Leben lang damit: Was kann der Reiter tun, wenn sich das Pferd dem Zügelkontakt entzieht? Und sich ungewollt aufrollt? Wir haben nachgefragt, und Uta Gräf, Peter Kreinberg sowie Britta Schöffmann geben Tipps, die Gedankenanstöße sein könnten. Ein Tipp: Nehmen Sie sich Zeit für dieses Thema! Daheim, in der Ausbildung, aber auch hier beim Lesen. Unsere pferdia-Ausbilder erklären hier so vieles, was man nicht an jeder Ecke hört. Es ist gesammeltes Wissen von Handwerk und Reitkunst - für Sie, für uns alle, für die Pferde.

Pferde, die sich wegrollen, die nicht ans Gebiss gehen, sind keine leichte Aufgabe für den Reiter. Das zu beheben ist keine einfache Korrektur, die nach ein paar Wochen schon vergessen ist. Am Anfang steht eine Bestandsaufnahme. Zunächst ist zu klären, und das sagen alle hier befragten Trainer, ob die Neigung zum zu eng gehen exterieurbedingt vorliegt, oder ob dies das Resultat von falschem Training ist. 

Lösungsansätze von Peter Kreinberg, Britta Schöffmann, Philippe Karl und Uta Gräf

Die Ursache kann viele Gründe haben, ebenso fühlt sich nicht jedes Pferd, das hinter der Senkrechten geht, gleich im Sattel an. Wie man vorgeht, um diesen Zustand zu beheben, "ist sehr abhängig vom Reiter, Pferd und Ausbildungsstand", erklärt Dressurausbilderin Britta Schöffmann. Der allgemeine Satz: "Nach vorn an die Hand rantreiben" ist leider nicht immer so einfach zu erfüllen - wäre das die einzig notwendige Korrekturmaßnahme, gäbe es weit weniger zu eng gehende Pferde. Da die Fälle so unterschiedlich sind, gibt es nur wenig, was in solchen Situationen allgemeingültig ist. In diesem Artikel beschreibt daher Ausbilderin Uta Gräf zwei Beispielpferde, die dieses Ausbildungsthema hatten. Peter Kreinberg, für sein Ausbildungssystem The gentle touch bekannt und als bewährter Ausbilder und bedachter Horseman bekannt, erklärt zwei Übungsabläufe, die versierten Reitern bei der Korrektur helfen können. Empfohlen sei allen Interessierten auch unsere Philippe-Karl-Ausbildungsreihe. Seine diffizilen Zügelzeichen für das Pferd, die Abkauübungen, haben vielen Pferden schon wieder den Weg nach vorn mit der Nase erklären können. Das wird zunächst am Boden eingeübt und dann auch im Sattel abgefragt. 

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Nach hinten schauen!

Grundsätzlich geht es bei der Korrektur des Wegrollens nicht nur um die Nasenlinie. "Pferde, die dazu neigen, sich wegzurollen, sollte man immer wieder nach vorne arbeiten, damit ihr Rücken wieder schwingend arbeitet", erklärt Britta Schöffmann. Dabei gilt: Schubkraft vor Tragkraft. "Je korrekter ein Pferd schiebt, desto besser tritt es an die Hand heran, weil die Körpermasse des Pferdes in Richtung des Gebisses schiebt", erklärt sie.  Wer sich mehr Erklärungen von Britta Schöffmann wünscht - so einordnend, verständlich und korrekt -, dem sei die Ausbildungsserie "Reiten gut erklärt" ans Herz gelegt.  

An den Rücken und die Hinterhand denken

"Häufig helfen hier viele Übergänge vom Trab zum Galopp und wieder zum Trab. Der Grund liegt im Wechsel zwischen Tragen und Schieben. Das Pferd spannt beim Angaloppieren den Bauch an, bekommt so den Rücken hoch und schiebt mit der Hinterhand sein Körpergewicht in den Galoppsprung. Während des Galoppierens arbeitet die Bauchmuskulatur vermehrt, was den Rücken stabilisiert. Und zum Durchparieren in den Trab muss wieder kurz vermehrt Last aufgenommen werden, gefolgt wieder von Schub aus der Hinterhand." 

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Auch eine Uta Gräf hat nicht immer einen Musterschüler unter sich - Lenny ist ein tolles Pferd, aber es gibt noch viel zu tun. Wie es mal aussehen soll: Hier ihr grandioses Video zur perfekten Dehnungshaltung.

Zwei Beispielpferde aus dem Stall Gräf

Uta Gräf hat zwei Pferde, bei denen sie in der Ausbildung mit diesem Thema konfrontiert wurde. Zum einen war es Lenny, ein Pferd, das von Natur aus ein schwieriges Exterieur hat. Und Helios, dem man es optisch gar nicht ansieht, der aber dennoch Schwierigkeiten hatte, sich zu tragen und dann dazu neigte, zu stark abzukippen.

Ihr Berittpferd Lenny gehört zur ersten Kategorie: Er ist extrem leicht im Genick und die Halsung ist wenig ideal angesetzt. In diesem Ausbildungsfilm thematisiert sie genau das und zeigt, wie sie ihn arbeitete. Sie sagt im Film, dass lange Zeit „eine A-Dressur-Haltung“ für Lenny am wichtigsten war. Gemeint ist die Höhe der Aufrichtung – diese Haltung war wichtig im Wechsel mit dem tiefen Vorwärts-Abwärts. So war es am besten möglich, ihn vor sich zu bringen und einen guten Zug zur Hand mit aktiver Hinterhand zu entwickeln.

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Helios hingegen gehört zum zweiten Typ. Er hatte immer gut Kondition, aber in Aufrichtung zu gehen verlangte ihm mehr Kraft ab, als das üblicherweise der Fall ist. Es wurde sehr schnell anstrengend für ihn. Er brauchte weitaus mehr Zeit als üblich, um die Kraft dafür aufzubauen.

Bei Helios war es anfangs auch hilfreich, wenn er etwas über dem Zügel ging – das war das kleinere Übel im Vergleich zum zu engen gehen. Ganz wichtig war, ihm Zeit zu lassen. „Ich kann mir gut vorstellen, dass er sich nicht so gut entwickelt hätte, wenn ich als er jung war häufiger und mehr verlangt hätte, dass er sich oben tragen soll“, erklärt Uta Gräf. Seine Entwicklung kann man in Uta Gräfs Ausbildungsserie zu Helios sehr gut nachverfolgen. 

Dem Pferd ein gutes Gefühl geben

Lenny arbeitete Uta Gräf mit vielen Übergängen, und alles, was die normale Durchlässigkeit verbesserte, tat ihm auch für sein Anlehnungsproblem gut. Sie arbeitet mit vielen Tempounterschieden, was auch HIER im Lehrvideo prima nachzuvollziehen ist. Es geht nämlich darum, immer wieder das Pferd vors Bein zu bekommen, eine Situation zu erschaffen, in der das möglich ist, um dann den Rahmen etwas nach vorn zu vergrößern. Zieht das Pferd dann ein wenig zum Zügel, auch nur ein kleines bisschen, dann muss das belohnt werden. Belohnt meint aber keinesfalls, die Zügel hinzuwerfen. Sondern: Dem Pferd im richtigen Moment ein gutes Gefühl zu geben,  die Körperspannung etwas herunter zu fahren, es angenehm zu machen, ist mit der wichtigste, um dem Pferd zu zeigen, was der Reiter möchte.

„Heute ist Lenny sieben Jahre alt, wir feilen immer noch etwas daran“, erklärt Uta Gräf. „Dennoch kann ich mir vorstellen, dass das zu enge kein Thema mehr sein wird, wenn er mal neun oder zehn Jahre alt ist!“ Über beide Fälle kann sie sagen, „dass das kontinuierliche Reiten über Jahre und die Entwicklung von Kraft es beiden leichter machte“. 

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Übungen die bei Pferden, die zum Aufrollen neigen, helfen

Ausbilder Peter Kreinberg betont, dass er sich die Situation vor Ort ansehen muss, bevor er üblicherweise Übungen empfiehlt. Er möchte wissen, was für ein Pferd und was für einen Reiter er vor sich hat. Ob das Pferd exterieurbedingt Probleme mit der Anlehung hat, wie die Ausbildung zuvor aussah und was die Ziele und das Können des Reiters sind. Grundsätzlich ginge mit einem solchen Anlehnungsproblem aber „immer mit einher, dass nicht genug Schub und Aktivität aus der Hinterhand kommt!“ Das zum Einrollen neigende Pferd sei in der Regel nicht fleißig genug von hinten: „Es mag sein, dass es eilig ist, aber es arbeitet nicht sauber mit Engagement mit Schub aus der Hinterhand über den Rücken!“ Daher setzt er mit dieser Fragestellung an: 

„Wie bekommen wir dieses Pferd dazu, dass es rhythmisch anfängt, über die Hinterhand zu schieben?“ Der Wunsch ist, dass das Pferd beginnt, im Schritt längere Schritte zu machen, und im Trab die Tritte zu verlängern, dabei aber keinesfalls zu eilen.

Nun denn, er hat uns dennoch zwei Übungsabläufe verraten, die bei solchen Problemen weiterhelfen können. Ob Pferd und Mensch in der Lage sind, sie auszuführen, muss vor Ort entschieden werden. Hier also als Inspiration: 

Übung „Vorne nicht anfassen“:

  • an der langen Seite Leichttraben mit minimalem Zügelkontakt

  • 2-3 Pferdelängen vor der Ecke behutsam zum Aussitzen kommen, Gewicht im Sattel, jedoch nicht nach hinten lehnend, sondern zum mitschwingendem Sitzen kommend

  • durch die Ecke das Tempo verlangsamen bis zum Schritt, dabei mit ganz wenig Zügelkontakt

  • dann behutsam nach der Ecke wieder antraben, leichttraben

  • nach der langen Seite wieder vor der nächsten Ecke vom Leichttraben zum Aussitzen kommen

  • diesen Ablauf häufig wiederholen

Durch die Vorhersehbarkeit der Übung wird das Pferd die Idee selbst aufnehmen und beginnen, in den Ecken zu stützen und an der langen Seite zu schieben. So kommt es zu einem Wechsel von stützender und schiebender Phase, und das ist der Zweck dieser Übung, so Peter Kreinberg: „Das Pferd soll wieder in die Balance kommen unter dem Reiter, aus dem Scheiben zum Stützen und vom Stützen zum Schieben, speziell im Trab.“ Wichtig ist, dass die Übung mit wenig Zügeleinwirkung geritten wird, eher an Signal geben denken als an „aufnehmen“. Daher heißt sie auch „vorne nicht anfassen“! „Das ist eine alte klassische Lektion der Kampagneschule der HDv12 zur Korrektur von Pferden“, sagt Peter Kreinberg.

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Peter Kreinberg in Aktion. Schön zu sehen, erklärt seine Frau Rika Kreinberg: Die leichte Anlehung am Knotenhalfter für einen leichten positven Spannungsrahmen.

Übung „Pylonen & Volten“: 

Diese Übung ist am besten erst zu nutzen, wenn die Übung „Vorne nicht anfassen“ schon gut funktioniert. Dass das Pferd gelernt hat, zur Ecke hin zu verlangsamen, kommt dem Reiter nämlich bei dieser Übung zugute. Durch den neuen Ablauf dieser Übung lernt das Pferd, den Hilfenrahmen zu akzeptieren.

  • stellen Sie auf dem Zirkel bei A zwei Pylonen auf, und zwar einen von X aus drei Metern in die Zirkelmitte gedacht und einen bei A,  jedoch ungefähr auf den dritten Hufschlag.

  • Ganze Bahn antraben, dann auf dem Zirkel bei A geritten. Achtung, jetzt schon in der abgeflachten Zirkelecke vor A verlangsamen und bei A am Pylon ankommend durchparieren zum Schritt.

  • Die Pylone mit zwei oder drei Schrittvolten umrunden

  • Danach antraben und wieder auf den Zirkel gehen

  • dabei den inneren Schenkel nutzen

  • der innere Schenkel animiert das Pferd, wieder auf die größere Linie zu treten.
     
  • Zügeleinwirkungen folgendermaßen: „Dabei passiv das Pferd am inneren Zügel kontaktieren, den äußeren Zügel nur behutsam einsetzen!“, sagt Peter Kreinberg. Mit Zügelhilfen meint er die Berührung am Hals seitlich, den Kontakt zum Gebiss nennt er Zäumungshilfen.
     
  • Hier wird sich zeigen, inwieweit das Pferd schon von äußeren und inneren Hilfen eingerahmt werden kann. „Wenn jemand sein Pferd noch nicht an Gewichts- und Schenkelhilfen hat, wird diese Übung schwierig sein“, erklärt der Ausbilder.

  • Gleiche Vorgehensweise auch bei der Pylone, die in der Nähe von X steht

Auf jeden Fall wirklich Pylonen zu nutzen, statt die Übung ohne optische Begrenzung zu reiten – diese Gegenstände helfen dem Pferd, einen Sinn in der Übung zu sehen und es fällt ihm leichter. Wenn ein Durchparieren nach einer Zirkelhälfte noch zu viel ist, und dieser Übergang zu schnell kommt, dann einfach anfangs nur mit einer Pylone pro Zirkelumrundung arbeiten. Durch diese Übung kann der Reiter „den inneren Schenkel als treibenden Schenkel wieder ins Spiel bringen“, so Peter Kreinberg, und dadurch das Pferd wieder vor sich bringen. 

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Peter Kreinberg, erfahrener Pferdeausbilder, der sein Wissen unter dem Lehr- und Ausbildungsprogramm "The gentle touch" vor Ort und hier auch in seinen Filmen auf pferdia weitergibt. Finden Sie seine Übungstipps genauso großartig wie wir? Dann sei Ihnen das Buch "Western & Dressage" seiner Frau Rika Kreinberg empfohlen - es ist nämlich voller guter Übungsideen!

Noch keine diagonale Hilfengebung!

Wichtig ist, bei diesen ersten Übungen das Pferd noch nicht in den gesamten Hilfenrahmen zu nehmen, erklärt der Ausbilder. Die diagonale Hilfengebung wäre zu diesem Stadium noch zu viel. „Durch die wiederkehrenden Objekte, durch die Ecken und durch die Schrittvolten wird das Pferd angeregt, sich selbst anzubieten und sich über die Routine selbst zu engagieren“, erklärt Peter Kreinberg. Weitere Übungen, wenn die oben genannten schon gut klappen, wäre der Wechsel von Konterstellung und nach innen gebogenem und gestelltem Pferd auf dem Zirkel. Dann das Verkleinern des Zirkels zur Schrittvolte und das Antraben daraus und zugleich das Vergrößern der Linie. Der Wechsel von Rechts- und Linksbiegung arbeitet dem Reiter und seinem Ziel, das Pferd mehr vor den Schenkel zu bekommen, sehr zu. 

Was der Mensch können muss

Absolute Voraussetzung für die Korrektur: Jeder, der ein Pferd korrigieren möchte, dass sich einrollt, muss ganz sicher gelernt haben, seine Hände einfach ruhig hinzustellen. „Die meisten Reiter haben eine rückwärtswirkende Hand, auch wenn sie das nicht wollen!“, sagt Peter Kreinberg. Guter Hinweis des Ausbilders: Der Reiter muss die Streckmuskulatur seiner Arme vorherrschend einsetzen, nicht die Beugemuskulatur – meint: wenn, dann in Richtung Pferdemaul einwirken und nachgeben. 

Viel Freude und Erfolg beim Üben!