Emotionslos reiten

Pferdekopf-im-Detail

Motivation für's Wochenende

Manchmal wabern Ideen durch den Raum und setzen sich in verschiedenen Köpfen gleichzeitig fest. Es passiert dadurch etwas, die Menschen beginnen darüber zu reden und Eindrücke, Gedanken werden zu Diskussionsstoff, werden bewusst gemacht und bekommen damit eine neue Realität.

Eine dieser Ideen heißt: Emotionslos reiten.

Es ist eine Schlüssel-Lektion, um wirklich gut zu reiten. Für mich meint emotionslos reiten, alle negativen Gefühle in einer Trainingseinheit fortzuschicken. Zwar zu registrieren, was nicht gut funktioniert, aber darauf ohne Emotion zu reagieren. Also: nicht ärgern, nicht sauer werden, nicht ungeduldig werden. Nicht aufs Pferd und nicht auf mich selbst. Ganz im Moment bleiben.

Emotionslos meint keinesfalls Reiten ohne Gefühl.

Im Gegenteil. Denn erst, wenn ich es schaffe, mich von solchen Emotionen frei zu machen, dann kann ich fair und feinfühlig sein. Ich verharre nicht in einer unangenehmen Emotion, die mich konsequenter handeln lässt, als es die Situation verlangen würde. Ich verharre nicht in einer negativen Gedankenspirale, die mich vom Fühlen entfernt. Ich lasse mich nicht von negativen Gedanken bestimmen, die dazu führen, dass ich gar nicht mehr richtig mitbekomme, was mein Pferd da unter mir tut. Ich bleibe im Hier und Jetzt. Ich bin aufmerksam. Nehme wahr, ohne zu beurteilen.  Das heißt keinesfalls, dass ich das Pferd einfach machen lasse. Ich ordne ein und reagiere. Ich passe jede Gelegenheit ab, positiv verstärken zu können, loben zu können, mich zu freuen.

Genauso wenig trage ich aber eine übergestülpte Euphorie in mir, die genauso meine Fähigkeit, wahrzunehmen, was ist, ebenso verfälschen könnte. Wer gelassen und freudig bleibt, gibt negativen Gedanken wenig Raum. Negative Gedanken sind zum Beispiel innere Monologe wie:

„Das konnte er doch letzte Woche schon“

„Warum ist der denn jetzt so klemmig“

„Schon wieder ist meine innere Hand zu stark, ich muss schneller nachgeben! Wann kriege ich das denn endlich hin!“

Stattdessen:  Ansprüche herunter stufen, wenn es nicht funktioniert.

Hach, welch leicht dahingesagter Satz. Dabei ist genau das so wahnsinnig schwer. Selbst wenn man es vom Kopf her möchte: der Bauch muss mitziehen. Der darf sich eben nicht mehr grämen, dass nun herunterstufen angesagt ist. Und dann sind wir wieder beim gnädig sein. Sich selbst gegenüber. Dem Pferd gegenüber. Liebevoll reiten. Bei aller handwerklicher Konsequenz.

Denn all der Ehrgeiz und all der Anspruch ans Pferd und an sich selbst stehen dem gemeinsamen Erfolg im Weg. Sie behindern das Ziel sogar. Sich das bewusst zu machen, kann helfen, die negativen Gedanken fortzuschicken. Mach' eine Schrittpause am hingegebenen Zügel, wenn Du Dich bei solchen Gedanken ertappst. Atme durch. Wenn’s nicht sofort klappt, die negativen Gedanken wegzuknipsen: Ärgere Dich nicht.

Sei geduldig und sicher: Du wirst das können. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Mir hat man dieses emotionslose Reiten übrigens auf die harte Tour beigebracht. Ein Pferd war’s, kein Mensch. Eine junge Stute, die jedes Mal, wenn ich nicht im Moment und bei ihr war, sondern eben in einem Gefühl festhing, das so konsequent geahndet hat, dass ich es lernen musste. Am Anfang, um einfach oben zu bleiben. Später dann, um sie fein und motiviert zu haben. Ich bin ihr sehr dankbar für diese Lektion.