Dreh bei Anja Beran: Seitengänge vorbereiten & Schweine retten

Lusitano-Bue-mit-Anja-Beran

Ein Frühlingsmorgen in Bayern. In einer Reithalle aus hellem Holz sitzt Anja Beran auf einem Schimmel. Zierlich ist sie, komplett in schwarz gekleidet, es ist ganz still hier, so still, dass nur das Vogelzwitschern draußen zu hören ist, genauso wie das Aufsetzen jedes Hufes ist im Sand und sogar das Kauen des Pferdes. 

Ein wenig Schritt reitet sie, vorbei an den großformatigen Stichen alter Reitmeister, die an der Hallenwand hängen. Nach einigen Minuten in den Seitengängen im Schritt trabt Anja Beran an, sitzt sofort aus, reitet eine Volte, wieder Seitengänge, und ihre weich annehmenden und nachgebenden Hände und Arme fallen auf, die sie so führt, wie man es atmend nennt.  

Jungpferd-lernt-Seitengänge
Nicht-nur-Reiten-auch-Retten

Wir sind in den Süden Deutschlands gefahren, in die Nähe vom Schloß Neuschwanstein in Bayern, um eine neue Lehrfilmserie mit Anja Beran zu filmen. Alles ist startbereit, die Kamera steht in der Hallenmitte, der Fotoapparat ist einsatzbereit, das Laptop hat den Logenplatz auf der Empore.  Es ist eine Idylle, in der die Ausbilderin mit vier Bereiterinnen und Auszubildenden arbeitet: Draußen sind in der Ferne schneebedeckte Berggipfel zu sehen. Innen tritt man von der Empore der Reithalle in eine imposante Bibliothek der Reitliteratur. Auf dem Hof wechseln sich verstreute Stallungen mit liebevoll angelegten Gartenstücken ab, zwei Brunnen plätschern vor dem Fußweg zu den Paddocks, Hochbeete tragen schon die ersten Salatköpfe. Wenn man über die sanft geschwungenen Weiden schaut, äst kurz vor Waldbeginn Anja Berans Rotwild, das gemeinsam mit den Rentnerpferden auf weitläufigen Wiesen läuft. 

Hengsthaltung-bei-Anja-Beran
Hengsthaltung-bei-Anja-Beran

So hübsch es hier ist, so genau und strikt wird hier gearbeitet. Anja Berans Tag beginnt um 6 Uhr, endet nachts um ein Uhr, und die letzte Heufütterung um 23 Uhr übernimmt die Chefin höchst persönlich. Doch gerade ist das Reiten selbst dran: Konzentriert reitet sie den Lusitano Bue, da schrillt ein Telefon in diese Stille hinein, Anja Berans Mitarbeiterin trägt es hinaus, genauso wie die Katze und ihre Kuscheldecke, die noch in der Bank auf der Ecke liegen. Dann ist alles filmfein, und unser Dreh beginnt. 

Von höchster Konzentration zu herzlichem Lachen

Schwerpunkt heute sind Seitengänge, am nächsten Tag folgt die Arbeit am langen Zügel und die Jungpferdearbeit.

Ganz genau erklärt Anja Beran, während sie Bue reitet, wie sie die grundlegenden Seitengänge erarbeitet: Sie beginnt mit der Vorübung Schenkelweichen. Dabei achtet sie darauf, dass Bue nicht nach vorn wegläuft, ihr äußerer Schenkel die Bewegung abfängt, das Pferd korrekt gestellt und nicht gebogen ist, und der Schimmel ihr nicht zu eng im Kopf- Halsbereich wird. 

Spanischer-Schritt-lernen
Dressurausbilderin-Anja-Beran

Ihre Bereiterin steht ebenfalls in der Halle und kommentiert von unten, was gut war und was nicht. Anja Beran, so akkurat sie arbeitet, ist ein fröhlicher Typ, und verbal sehr erfrischend: „Schöner Schmarrn, noch mal neu!“ sagt sie und lacht, wenn eine Kleinigkeit nicht auf Anhieb ganz korrekt ist. Und beginnt ganz in Ruhe einfach noch einmal.

Feedback auch für Profis

Funktioniert das Schenkelweichen auch ohne Bande auf der Diagonalen gut, dann ist als nächster Schritt das Schulterherein dran. Bereiterin Vera kommentiert: „Der kann fast 'n bisschen langsamer“, in schönster süddeutscher Melodik gesprochen. "Wie sitze ich?" fragt die Meisterin, und die Bereiterin sagt „Des passt!“. Feedback von unten ist so wichtig – auch auf höchstem Niveau. 

Travers, Renvers und Traversalen sind noch dran, Bue macht das alles wunderbar, es sieht so leicht und einfach aus, gerade das zeigt die akkurate Ausbildung. Nach knapp einer Stunde im Schritt sagt Anja Beran mit breitem Grinsen:  „Gut! Jetzt sind wir aber geflasht!“ Das reicht auch erst mal für den kleinen Lusitano. Das, was später einmal ein kurzer Lehrfilm für die pferdiathek wird, braucht seine Filmzeit, danach noch Schnittzeit und Vertonung. Drehzeit versus Filmzeit ist eben oft ein riesengroßer Unterschied. 

gute-Hengsthaltung

In der Stallgasse wird schon das nächste Pferd hergerichtet, hell ist es hier und es riecht würzig nach gutem Heu. Auf der Anlage befinden sich verstreut kleinere Stallanlagen, viele Hengste wohnen hier.  Es gibt eine runde Stallung, ganz ungewöhnlich, in der die Boxen kreisförmig angeordnet sind, die Paddocks anschließend.

Übertreten lassen für die Mobilität

Mit dem nächsten Pferd zeigt sie, wie wichtig der Ausbilder am Boden ist, wenn ein Pferd die Seitengänge lernt. Eine ihrer Eleven – drei Mädchen und eine Bereiterin arbeiten hier mit auf dem Rosenhof – sitzt im Sattel. Anja Beran begleitet die beiden. Schön zeigt sie, wie wichtig das Übertreten auf einer Volte ist. „Die Übung ist sehr umfassend, schult die Hankenbeugung und macht das Pferd sehr mobil“. Aus dem Übertreten soll das Pferd anhalten, geschlossen stehen, dann rückwärts richten und aus dem Stand direkt auf der anderen Hand ebenfalls seitwärts übertreten. „Die Pferde lernen weich zu fußen und die Hanken zu beugen“, erklärt sie. „Sie sollen nicht eilig und steif schnell zur Seite treten oder in den Boden stampfen, sondern langsam  nach oben und zur Seite fußen.“ Auch, um dieses Ziel zu erreichen geschieht alles mit viel Ruhe, Lobpausen und Gelassenheit. 

Genauso ruhig und mit Besonnenheit werden die Pferde auch ans Piaffieren herangeführt. Da sieht man keine Hektik, keinen Zwang, sondern überlegtes Vorgehen und ruhige Augen. Immer wieder fällt auf: Sobald etwas gut gelingt, ein, zwei Mal, erfolgt ein Lob, eine Pause und, falls es sich um eine neue Aufgabe für das Pferd handelt, ist es damit auch schon gut, und etwas anderes wird als nächstes gemacht.

Der imposante Ofendido

An diesem Tag wird sie mit dem imposanten Schimmel Ofendido noch zeigen, wohin die Ausbildung eines jeden ihrer Pferde führen soll, ihre Bereiterin wird in schönster Manier zeigen, wieviel Gangpotential man aus einem Lusitano herausreiten kann, ohne die Mechanik negativ zu beeinflussen.

Während in der Halle Reitkunst gelebt wird, die Kunden aus aller Herren Länder anzieht, grunzen draußen die Schweine. Schweine, die in eigens für sie hergerichteten Offenställen leben, wohlgemerkt. Maxi und Molly sind Minischweine, und sie sind nicht die einzigen Exoten hier, es leben auch noch zwei Kamele in einem eigenen Offenstall nah am Hof. Denn Anja Beran hat nicht nur ein Herz für die klassische Dressur, sondern sie ist auch ein absoluter Tierfan.

Schwein gehabt

Ein Schwein wurde letztens notoperiert, und um es zum Tierarzt zu bringen, durfte es auf dem Rücksitz mitfahren – kleine Sauerei im Auto natürlich inbegriffen. Sie rettet Arthrose-Kamele und hat seit neuestem mit ihrem Mann eine Parson-Jack-Russel-Hündin in ihr kleines, nun dreiköpfiges Hunderudel aufgenommen. Klar ist: da lebt jemand seine Leidenschaft für die klassische Reitkunst und die Tiere. Und zwar mit genausoviel Herzblut wie Disziplin.