Überlebenstipps für Menschen mit hyperaktivem Hund und gelangweiltem Pferd

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Jeden Tag sind in unseren Haus zehn Dinge neu zerstört und zehn Dinge neu geordnet. Mindestens. Das liegt am Hund, der übrigens auch beim Misten oder Heugeben hilft. Immerhin. 

Zudem hindert er mich erfolgreich daran, das gelangweilte Pferd zu bespaßen. Das hat zur Folge, dass ich mich wie in der Pubertät fühle. Man könnte meinen, meine Hormone spielen verrückt: Jeden Tag gibt es Verzweiflung und Lachen fast bis zum Heulen. Ein Einblick in echt verrückte Tage.

Während ich diesen Text schreibe, liegt das hübsche, aber zerstörungswillige Tier mir schnaufend zu Füßen: Ein Pflegehund, seit einem Monat bei uns. Der Grund, warum ich aktuell wenig reite und mir die Zeit für mein Reha-Pferd aus den Rippen schneide. 

Nur, damit man mal meinen Leidensdruck so ein wenig einschätzen kann, hier für die Statistik:

Die Zerstörung heute 

3 Kinderspielzeug-Bären, 1 volle Toilettenpapierrolle abgerollt und verteilt, 1 Papierlocher, 1 Briefbogen, 1 handgemachte Seife, die nun Bissspuren trägt, 1 Edding, 1 Filzstift.

Aus dem Maul genommen heute, unzerstört 

1 Haarbürste, 2 Barbies, 1 Paar Schneeketten für Schuhe, 5 Paar Kindersocken, 1 Pullover.

Wohlgemerkt: an einem Tag! Das passiert so ganz nebenbei, irre schnell, wenn ich mal gerade in eine andere Richtung als geradewegs auf den Hund gucke. Und ja, der Hund hat Kauzeugs und kommt genug raus. Er ist einfach ein ziemliches Geschoss. Jung, schön, wild.

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Als er ankam, aus Spanien, vor vier Wochen, hatte er noch nie mit Menschen gelebt. Er sprang auf Sideboards, Tische, die Anrichte, machte überall hin im Haus, kannte seinen Namen nicht und wusste nicht, dass Hunde mit Menschen spazieren gehen können. 

Unsere Mission: Den Hund hier aufzunehmen, und ihn so zu erziehen, dass er eine eigene Familie hier finden kann. Zum Glück ist er sehr süß, sehr verschmust und verspielt. Sonst wäre das alles nicht auszuhalten. 

Ritalin und andere Ratschläge

Es gab anfangs immer mal wieder Empfehlungen für Ritalin aus dem Familienkreis, oder auch den schönen Spruch: ‚Er ist ja liebenswürdig, aber nicht gesellschaftsfähig’. Hust.

Dabei hat der sich schon richtig toll gemacht. Er hört draußen wie drinnen und benimmt sich faaaast normal. Meine Strategien, um dabei nicht durchzudrehen:

Überlebenstipp Nummer Eins lautet:

Auslasten. Also, es wenigstens versuchen. Sie ist für 30 Minuten müde, die Hündin, wenn sie zwei Stunden draußen war. Also wartet mal ab, wie fit ich in ein paar Wochen bin. Muskelkater vom durch den tiefen Schnee stampfen habe ich tatsächlich schon. 

Überlebenstipp Nummer Zwei lautet:

Lachen statt ärgern. Das Telefonkabel im Büro ist durchgebissen? „Oh, zum Glück war es nur das vom Hörer! Und das Festnetztelefon benutze ich ja eh kaum“, beschwichtige ich mich selbst. Der Spielzeugbär hat ein Bein abgebissen? „Oh, die lassen sich wieder anstecken“, sagt die Tochter inzwischen ganz gelassen.

Überlebenstipp Nummer Drei lautet:

Aufräumen. Alles muss hinter Türen versteckt werden. Es wird von Tag zu Tag so viel aufgeräumter bei uns. Ledersachen: bloß nicht rumliegen lassen! Spielzeug, Aktenordner? Alles in Schränke! Der Frühjahrsputz wird ein Klacks.

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Überlebenstipp Nummer Vier lautet:

Konsequenz hoch zehn. In den Regeln (Bett ist tabu, ja, immer. Pferde werden nicht angebellt, das Futter wird erst genommen, wenn ich es sage, der Hund geht hinter mir die Treppe runter) und im Loben (genau auf die Sekunde, wenn sie sich hinlegt, zum Beispiel). Was bin ich den Pferden dankbar. Mich selbst als Reiter hinterfragen, jede Körperbewegung zu zerdenken und zu zerlegen – das kann ich wegen ihnen. Und das hilft mir jetzt enorm. 

Der Hund am Stall kann noch nix. Ausreiten oder so - ist nicht dran zu denken.  Er kommt mit zum Pferd, aber nur, wenn ich das nicht selbst bewege. Ich tauge dann nur noch als Reitlehrer auf dem Bänkchen (während meine Hände die Schulter des Hundes fixieren, damit er nicht plötzlich in Richtung Pferde durchstartet). Oder ich schaue flott nach dem rechten, und der Hund ist angebunden – neben den Quaderballen, so dass ich ihn vom Offenstall aus im Blick habe. 

Hundeleute im Netz sind wohlgesonnener als Pferdeleute

Übrigens finde ich die Hundeleute im Netz bisher wirklich handzahm, da könnten wir Pferdeleute uns eine Scheibe von abschneiden. Letztens schickte ich dem Verein, der uns den Pflegehund geschickt hat, ein Video, wie der Hund „Sitz!“ macht vor seinem vollen Futternapf. Und schaut, wie ich den Napf hinstelle, etwas weggehe, wieder darauf zugehe, ihn wieder hinstelle und dann sage „Und nimm!“. Erst dann ging der Hund an sein Futter, natürlich. Sie fragten, ob sie das Video auf facebook stellen könnten, und ich sagte: „Mmmh, ich weiß nicht wie die Hundeleute so ticken, bei Pferdeleuten gäbe es sofort Kommentare, was daran alles nicht gut ist!“ Zum Beispiel nämlich, dass ich da sehr häufig das Kommando wiederhole, was nicht nötig gewesen wäre. Nein, meinten die, das ist unwahrscheinlich, dass da etwas Negatives geschrieben würde. Wäre doch beachtlich, dass der Hund das nach nur  zwei Wochen kann. Okay, habe ich gesagt. Schau an: da gratulierten sogar Leute dem Trainer. Also das schrieben sie, und meinten wohl mich damit. Ich sehe mich null Komma null als Hundetrainer, einfach nur als interessierter Mensch, der sich Gedanken gemacht hat, gelesen und Kurse besucht hat und schon mal einen Hund gut erzogen hat, fertig. Das fand ich beachtlich. Hier ist übrigens ein ganz aktuelles Video von der Hündin zu sehen. 

Auf der Positiv-Liste: Sie hat Humor

Witzig ist dieser Hund. Springt am Stall mal so eben auf einen Stapel aus zwei Quaderballen (Hallo? Wie geht das, als Dalmatiner?) und schaut mich super stolz von da oben an. Ich hätte sie Knutschen können. 

Der Hund hat Phantasie. Solch große, dass sie  mich zum laut Loslachen bringen kann. Beispiel: wir sitzen auf dem Sofa, Hund will auch. Ich strecke meine Beine so zwischen Sofa und Tisch aus, dass sie nicht näher kommen kann. Sie will aber, und probiert alle Tricks aus, die wir schon geübt haben. Vielleicht lässt einer von denen ja die Schranke, die meine Beine bilden, erweichen? Sitz machen – hilft nicht. Platz – auch nicht. Wie wäre es mit Männchen machen? Sie steht da wie eine Porzellanstatue sekundenlang auf ihren Hinterpfoten – das sieht zum Schreien aus.  Ich muss sehr lachen, meine Tochter biegt sich vor Lachen und hält sich den Bauch fest. Wir haben das noch nie geübt - es war einfach eine Idee von ihr. Kreativ, charmant und humorvoll, würde ich sagen!

Meine Vermutung: Ich hab da einen Jack Russel im Dalmatinerkleid. Einen lustigen, unerzogenen, quirligen Hund. Und genauso erzähle ich von der Hündin, wenn es Interessenten für ihn gibt – sie ist ja ein Pflegehund, also auf der Suche. Ich bin gespannt, wer so viel Realität aushalten möchte.