Gendefekt WFFS: „Würden wir Trägertiere aus der Zucht nehmen, würden wir das Leistungsniveau im Sport verändern!“

Gendefekt-WFFS

Ein Interview mit Forscherin Nena Winand. Sie entdeckte die Genmutation, die für das Warmblood Fragile Foal Syndrome (WFFS) zuständig ist. Bei WFFS löst sich die Haut vom Körper ab. Bei Fohlen, die die Anlage von beiden Eltern erben, bricht die Krankheit aus. Sie sind nicht lebensfähig und müssen eingeschläfert werden. Mehr über die Krankheit: Hier im pferdia-Magazin

Aktuell hat der Zuchtverband KWPN in den Niederlanden das Testen aller Hengste auf WFFS zur Pflicht gemacht, nachdem WFFS-Fohlen der Hengste Everdale und Total U.S. gemeldet wurden. Die deutsche FN hat eine Studie zum Thema in Auftrag gegeben, ebenso der Schwedische Verband. WFFS ist Thema auf der nächsten Konferenz des WBSFH (World Breeding Federation for Sport Horses

Frau Winand, Sie haben das für WFFS zuständige Gen erforscht. Es gibt also kaum jemanden, der sich besser mit dieser Mutation auskennt, als Sie. Was ist Ihre Einschätzung, wie häufig kommt WFFS-Trägerschaft bei der Warmblütern vor?

Wir haben dieses Gen bei Pferden verschiedener Zuchtbüchern gefunden. Ich gehe normalerweise von zehn Prozent Trägerschaft aus. Eine Studie des Unternehmens Laboklin, die 500 Pferde untersuchte, geht von neun Prozent Trägerschaft aus. Ein Tierarzt von Laboklin nannte mir diesen Wert, ich habe die Daten nicht selbst von ihnen erhalten. Aber wir werden diese Zahl in Zukunft viel genauer, auch auf Rasse und Zuchtbücher individuell, benennen können.

Kommt der Gendefekt häufiger bei Dressurabstammungen oder Springabstammungen vor?

Pferderassen aller Disziplinen sind diesem Risiko ausgesetzt.

Welche Rassen sollte man denn testen lassen? Wir wissen von WFFS bei Warmblütern, aber was ist mit Vollblütern, Trakehnern, Arabern, Lusitanos, Quartern, Reitponys, zum Beispiel?

Zu den Iberern kann ich nichts sagen. Aber alle warmblütigen Rassen inklusive der Trakehner und deutscher Rassen, genauso wie Vollblüter, Knabstrupper und Pferde mit Vollbluteinfluss sollten kontrolliert werden, damit man weiß, wie es in deren Population aussieht. Diese Arbeit wird übrigens zur Zeit am Veterinary Genetics Laboratory der Universät von Kalifornien Davis, gemacht. Sobald die Ergebnisse gesichert vorliegen, wird man das Ergebnis auf deren Infoseite lesen können.

Es werden immer mehr Stimmen laut, die anhand der Abstammungen der WFFS-Träger-Pferde den Ursprung der Mutation kennen wollen. Es gibt Gerüchte, dass man vor allem in hannoverschen Papieren vor 100-180 Jahren fündig werden könnte. Was denken Sie darüber, ist da etwas dran?

Das ist nicht korrekt. Es ist nicht möglich, den Ursprung einer Mutation anhand von Abstammungen herauszulesen. Dafür braucht man die Herangehensweisen von erfahrenen Populationsgenetikern.

Was würden Sie Züchtern und Hengsthaltern aktuell empfehlen? Wie soll man mit diesem neuen Wissen über den Gendefekt WFFS umgehen?

Alle Zuchtpferde von den entsprechenden Rassen testen lassen und nicht Träger an Träger anpaaren. Wenn man Warmblüter an andere Rassen anpaart (zum Beispiel Quarter, Anm.d.Red.), sollten diese auf WFFS1 und HERDA getestet werden.

...HERDA ist eine andere Bindegewebsschwäche, die vor allem bei Quartern vorkommt...

 HERDA-Träger sollten sicherheitshalber nicht an WFFS1-Träger angepaart werden.

Sollte man Trägertiere aus der Zucht nehmen? 

In einer idealen Welt würden wir die Trägertiere aus der Zucht nehmen. Aber die Trägerlinien, die ich untersucht habe, könnten zu den Top-Athleten gehören. Würden wir die Träger aus der Zucht herausnehmen, dann würden wir das Leistungsniveau verändern, unsere besten Spring- und Dressurpferde würde es treffen. Ich würde dazu raten, sehr gute Nichtträger-Nachkommen langfristig als Zuchtpferdestamm zu pflegen.

Denn auch aus Trägerpferden können ja Nichtträger gezogen werden. Wie sicher sind denn eigentlich die Gentests, die angeboten werden? Es gibt ja immer mehr Labors, die den WFFS-Test anbieten.

Zwei Labore haben ein extern überprüftes, gesichertes Testverfahren. Das ist Laboklin in Europa und die Universität von Kalifornien, Veterinary Genetics Laboratory, in the USA. So weit ich weiß, lassen Pracital Horse Genetics in Australien auch gerade ihre Ergebnisse auswärts validieren.

Nena-Winand-forscht-an-WFFS

Wie kommt es eigentlich zu einer solchen Mutation? Kann Linienzucht das begünstigen?

Anpaarungs-Strategien sind nicht die Ursache für Mutationen. Mutationen entstehen aus vielfältigen Gründen in allen Organismen, die DNA Genome besitzen. Diese können sich herausbilden aufgrund von chemischen oder physikalischen Mutationen oder DNA Replikationen oder körpereigenen fehlerhaften DNA Reparaturen. Das sind die Mechanismen, die Mutationen hervorrufen. Bei rezessiven Erbgängen zeigen sie sich oft erstmals, wenn Inzucht durchgeführt wird. Dabei ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass jeder gleiche Vorfahre zwischen Stute und Hengst, egal wie entfernt zurückliegend, im medizinischen Sinne Inzucht meint.

Wie haben Sie die Mutation entdeckt?

Als ich HERDA I untersuchte, nutzte ich ein Verfahren, das auf den Forschungen zum menschlichen Ehlers Danlos Effekt (ebenfalls eine Gewebeschwäche, Anm. d. Red.) basierte. Diese Werkzeuge brauchte ich, als ich meine Proben bekam. PLOD1 war der logische Kandidat unter den Genen, der unter Verdacht stand und ich besaß das Werkzeug, PLOD1 zu untersuchen.

Das ist der genetische Baustein, an dem die Mutation vorliegt. Wie sah denn der erste tatsächliche Fall aus, den Sie untersuchten?

Der erste Fall, von dem ich hörte, war ein Warmblutfohlen eines bekannten kanadischen Züchters. Mein Kollege Dr. John Baird von der University of Guelph Veterinary College erzählte mir davon. Er wusste, dass ich mich für Zusammenhänge von Gewebestörungen bei Pferden interessierte. Wir konnten damals Blutproben von Mutterstute und Hengst sichern. Diese erhielt ich im Juni 2007. Gewebeproben gab es leider nicht. Ich bewahrte die Blutproben auf, bis ich im April 2011 einen weiteren Fall bekam. Hier konnten wir Gewebeproben des Fohlens bekommen, sowie Blutproben der Mutter. Der Hengstbesitzer war unkooperativ. 

Und dann? Wie lange dauerte es, bis sie den Defekt genetisch gefunden hatten?

Ich konnte die Mutation innerhalb von wenigen Tagen finden. Dann testete ich weitere kanadische Pferde und konnte nachweisen, dass Hengst und Stute des betroffenen Fohlens ebenfalls Träger der Mutation waren. Ich konnte einen kleinen Populations-Abgleich machen und fand eine Trägerrate von 10-11 Prozent bei den Warmblütern, dafür arbeitete ich mit mehreren Zuchtbüchern zusammen. Im Mai 2011 ging der Patentantrag heraus und 2012 erhielt Laboklin die Rechte für das Testen auf diesen Gendefekt in Europa.

Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen, wonach Sie suchen müssen?

Der Bereich von erblichen „Connective Tissue Fragility Syndroms“ (Gewebsschwächen) sind besonders im Humanbereich gut erforscht. Wir informierten uns aufgrund dieser Vorlagen. PLOD1 Mutationen und Ehlers Danlos Syndrome VI ist wirklich gut erforscht beim Menschen.

Was war den Fohlen, die sie untersuchten, denn äußerlich gemein?

Sie besaßen alle extrem fragile Haut, Bänder und Sehnen. 

Nena Winand ist die Wissenschaftlerin, die die Gen-Mutation zum Warmblood fragile faol syndrom (WFFS) zuerst erforschte und das Patent darauf 2012 für die Cornell Universität erhielt. Zuvor führte sie umfassende Studien zu HERDA bei Quarter Horses durch. Auch dieser Gendefekt verursacht leicht verletztliche Haut. Heute ist Nena Winand in Rente. Privat hat sie früher Springpferde und Hunter geritten, seit 20 Jahren hat sie sich dem Reining verschrieben. 

>>> Mehr über WFFS, warmblood fragile foal syndromehier im pferdia-Magazin . Die Fallbeschreibung eines WFFS-Fohlens findet sich hier auf www.alifewithhorses.de. Der Erbgang verläuft autosomal-rezessiv. Das bedeutet, dass Pferde mit einer Anlage zu WFFS selbst gesund sind, jedoch als Träger die Anlage weitergeben können. Geben jedoch zwei Elterntiere, die selbst Träger sind, die Anlage weiter, dann kann mit 25% Wahrscheinlichkeit ein Fohlen entstehen, dass die Anlage zu WFFS von beiden Elternteilen erhält. Es ist dann durch die stark verletztliche Haut nicht lebensfähig. Wird ein Träger an einen Nichtträger angepaart, so entstehen nur gesunde Nachkommen. Genetisch ist jedoch auch bei diesen Nachkommen zu erwarten, dass 50% Träger sind.