Was die Volte gymnastisch so alles kann

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Ingrid Klimke mit Franziskus in der Volte. Schön zu sehen ist das Einspuren und die gute Stellung und Biegung des Pferdes. Franziskus kommt in diesem Moment ein wenig hinter die Senkrechte - auch das kann im Training passieren. Ausbildung ist ein Prozess.
Volten sind vermeintlich so simpel, schließlich werden sie in fast jeder Abteilungsreitstunde geritten. Also ganz am Anfang der reiterlichen Ausbildung. Doch welchen gymnastischen Wert sie haben, wenn sie korrekt geritten werden, unterschätzen viele. Die Dressurausbilderinnen Dr. Britta Schöffmann und Uta Gräf erklären in diesem Artikel mit vielen Beispielen, wie Volten so geritten werden, dass sie sinnvoll für die Pferdeausbildung sind. Plus: Ein Hinweis von Altmeister Paul Stecken zum Thema Volten, den Ingrid Klimke noch gut im Ohr hat.

Warum die Volte so ein gutes Werkzeug ist

Die Volte an sich hat schon einen hohen gymnastischen Wert: „In Volten wird die äußere Hals- und Rumpfmuskulatur des Pferdes gedehnt, die innere verkürzt“, erklärt die Dressurausbilderin Dr. Britta Schöffmann. „Die Gelenke der inneren hinteren Extremitäten müssen sich stärker beugen und unter den Körperschwerpunkt arbeiten, was wiederum einen Kraftzuwachs im Bereich der Hinterhand mit sich bringt. Die äußeren Extremitäten müssen einen weiteren Weg beschreiten und gewinnen so an Beweglichkeit.“ Das Ergebnis: Eine korrekt gerittene Volte ist also pure Gymnastik für das Pferd. „Volten zu reiten ist schwieriger, als man manchmal denkt. Diese eher anspruchsvolle Hufschlagfigur korrekt zu reiten, ist eine gute Überprüfung, ob ich das Pferd geschlossen und vor den Hilfen habe und ob Stellung und Biegung einfach und leicht herzustellen und durchzuhalten sind“, erzählt Uta Gräf, die als Dressurausbilderin Pferde bis zum Grand Prix fördert. Ihr zusätzlicher Tipp: „Ich baue Volten auch gerne im Schritt ein, wenn die Pferde zum Wegeilen neigen. Das kann helfen, den Takt zu erhalten, indem das Pferd weniger eilig ist, ohne dass ich als Reiter sozusagen bremsend einwirke.“
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Hochkonzentriert sind diese beiden Schüler von Dr. Britta Schöffmann. Sie zeigen eine Volte in guter Stellung, Biegung und in leichter Dehnungshaltung. Die Nase des Pferdes ist auf Buggelenkshöhe. Gut ist zu erkennen, dass das Hinterbein genau in die Spur des Vorderbeins greift, die Hinterhand also nicht ausschert. So soll es sein

Das prüft die Volte

Außerdem ist sie ein Prüfstein für den Reiter. Takt, Tempo und Anlehnung des Pferdes sollen gleich bleiben, während das Pferd auf einer kreisrunden Linie mit den Hinterhufen in die Spur der Vorderhufe tritt. Genau das zeigt nämlich, dass es korrekt gebogen ist und nicht etwa mit der Hinterhand ausweicht. Anhand der Volte lässt sich erkennen, ob der Reiter die diagonale Hilfengebung umsetzen kann, ob das Pferd an den Hilfen steht, ob die Geraderichtung des Pferdes auf einem guten Weg ist und wie das Zusammenspiel der Reiterhilfen klappt. Auch später in der Ausbildung hat die Volte einen guten Nutzen: „Außerdem ist eine Volte eine gute Lektion, um daraus eine Traversale zu entwickeln, weil ich daraus Stellung und Biegung gleich mitnehmen kann“, erklärt Uta Gräf

Hilft bei der Geraderichtung

Ein zentrales Ziel der Pferdeausbildung ist die Geraderichtung. Diese meint, dass das Pferd beidseitig gleich beweglich und stark ist. Von Natur aus, zu Beginn der Ausbildung, ist jedes Pferd mehr oder weniger schief, stützt lieber mit einer der beiden Schultern und belastet so seinen Körper ungleichmäßig. Das ist nicht schlimm, so lange niemand draufsitzt – doch wenn das Reitergewicht hinzukommt, ist es gesundheitlich wichtig, hier für einen Ausgleich zu sorgen. Diese Geraderichtung ist nicht mal eben schnell erzeugt, sondern gehört zu einem Prozess. Genau deshalb kann auch eine runde Form wie die Volte bei dem Ziel Geraderichtung helfen: Sie schult den Pferdekörper und verhilft dazu, dass er ganzheitlich ausgeglichen trainiert und geformt wird.

Der Reiter soll sich die Volte vorstellen

„Auf Lehrgängen empfehle ich den Reitern häufig, dass sie sich selbst erst mal einen entsprechenden Kreis als geometrische Figur vorstellen sollen, bevor sie eine Volte reiten“, erklärt Britta Schöffmann. „Ein Pferd hat selbst ja keine Vorstellung von dieser Form! Damit das bewusst wird, sage ich oft: ‚Wenn Eure Pferde auf der Weide kleine Kreise laufen, dann stimmt etwas nicht, dann solltet ihr den Tierarzt rufen!' Die Vorstellung der Volte muss der Reiter haben!“ Ist das Bild im Kopf klar, werden die Volten meist schon automatisch runder. Falls das dennoch nicht der Fall ist, sollte der Reiter nachfühlen, welche Hilfe er gibt und welche vielleicht zu viel oder zu wenig ist. „Häufig wird zu viel am inneren Zügel getan und zu wenig am äußeren Schenkel geritten.“

Damit ist schon viel gewonnen: Die Einleitung der Volte

Durch eine halbe Parade wird die Übung eingeleitet. Aus einem simplen Grund: Sie soll das Pferd ein wenig schließen – „das ist so, wie beim Auto Gas rausnehmen vor der Kurve, dabei Gleichgewicht erhalten und ein Herausschleudern vermeiden!“, sagt Britta Schöffmann scherzend. Ist nur leider nicht so einfach wie sich das anhört! Denn halbe Paraden sind ein sehr diffiziles Werkzeug – sie bestehen aus Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen im Zusammenspiel. Deshalb haben wir ihnen auch einige Filme gewidmet – dieser hier namens "Die gelungene Parade"  zeigt hervorragend, wie das geht. Im zweiten Teil dieses Films geht es um Übergänge, und wie diese eingeleitet werden. Wichtig und oft missverstanden: „Die Einwirkung in der halben Parade ist nur scheinbar gleichzeitig“, erklärt Britta Schöffmann.„In Wahrheit folgen die einzelnen Einwirkungen in Sekundenbruchteilen nacheinander. Das Herantreiben fordert die Hinterbeine zum vermehrten Vortreten, das Durchhalten begrenzt den Rahmen und verkürzt das Pferd, das Nachgeben lässt die Bewegung vorwärts-aufwärts durch den Pferdekörper fließen.“ Die halbe Parade ist der erste Teil der Vorbereitung. Dann folgt die diagonale Hilfengebung, die der Reiter für die Wendung braucht.
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Von Bedeutung sind die äußeren Hilfen, der äußere Schenkel und die äußere Zügelhilfe, in der Volte. Soma Bay zeigt hier eine vorbildliche Kopf-Halshaltung und ist ideal an der Senkrechten.

Die Hilfengebung bei der Volte

In der Volte biegt der Reiter das Pferd um den inneren Schenkel, wobei der äußere Zügel die Stellung nach innen zu lässt. Meint: „Er gibt einen Hauch mehr Raum, verhindert aber gleichzeitig, dass das Pferd über die äußere Schulter wegdriftet.“ Der äußere Schenkel liegt verwahrend. Er verhindert, dass „wie beim LKW in der Kurve das Heck ausschwenkt.“ Eine gelungene Kombination von biegend-treibender innerer und äußerer Zügel- und Schenkelhilfe macht eine gute Volte aus. „Unrund wird eine Volte immer dann, wenn eine dieser Hilfen nicht da ist!“

Wie schafft man es, die Volte groß genug zu reiten?

Volten werden entweder mit acht oder mit zehn Meter Durchmesser geritten. Viele Reiter verschätzen sich, wie groß denn nun acht oder zehn Meter im Querschnitt sein sollen. Um das richtige Maß zu finden, hat Britta Schöffmann einen ganz einfachen Tipp: Auf einem 20 Meter breiten Viereck sind es genau zehn Meter vom Hufschlag der langen Seite bis zur Mittellinie. „Also beginnt man, die Volten an der langen Seite zu reiten“, sagt sie. „Wenn das gut klappt und das Gefühl für die Größe da ist, kann man auch an der kurzen Seite eine Volte anlegen.“ Schülern, die zum mathematischen Lerntyp gehören, rät sie gern, die Tritte während der Volte mitzuzählen. Die erste Hälfte von Hufschlag bis Mittellinie soll genauso viele Schritte, Tritte oder Sprünge haben wie die zweite Hälfte der Volte von der Mittellinie zum Hufschlag. Sitzt diese 10-Meter-Volte, dann fällt die Vorstellung für die 8-Meter-Volte leichter. „Die äußere Kante der 8-Meter-Volte soll zwei Meter vor der Mittellinie enden.“

Gleichmäßige Volten – der Tipp von Uta Gräf

Uta Gräf hat ebenfalls noch ein paar Profitipps zur Hand, die das eigene Training verbessern können: „Wichtig ist, dass die erste und zweite Hälfte der Volte gleichmäßig gut ausgeritten wird und das Pferd in der zweiten Hälfte nicht nach innen gegen den Schenkel kippt“, rät sie. „Zunächst kann man dies auf einer größeren Linie üben und sich nach und nach an eine 10- oder 8-Meter-Volte herantasten. Wenn man das gut hinbekommt, sind auch zwei Volten in Form einer Acht eine gute Übung.“ Auf die große und die kleine Acht legte übrigens der verstorbene Altmeister Paul Stecken stets großen Wert, erinnert sich Reitmeisterin Ingrid Klimke. Also: Die Empfehlung, der Volte viel Aufmerksamkeit zu zollen, kommt von allen Seiten!   Viel Spaß bei Eurem nächsten Training und viel Erfolg beim Üben!