Vom Korrekturpferd zum Traumpferd – und zweimal zurück

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Es gibt so einige Geschichten von sauer gemachten Pferden, die wieder zu motivierten und guten Reitpferden wurden. Aber kaum jemand erzählt davon, wie es auch nach diesem Wandel wieder zu Phasen kommen kann, die ganz und gar nicht gut sind.

Sauer gemachte Pferde

Genau so eine Geschichte hat meine Freundin Philippa mit dem Pferd ihrer Tochter erlebt. Es klingt wie im Pferderoman: Junger gekörter Islandhengst wird versaut. Gilt als nicht mehr reitbar. Blockiert, sobald ein Gebiss im Maul liegt. Dreht den Menschen am Boden blitzschnell das Hinterteil zu, wird böse unterm Sattel. Er wird kastriert, soweit wieder hergestellt, dass er sich freizeitmäßig reiten lässt. Dann wird er als Wallach zum Verkauf angeboten. Mit der Ankündigung, er sei nur „mit Einschränkungen“ reitbar: Nämlich ohne Gebiss und manchmal die Zusammenarbeit verweigernd. Er wird von einem Menschen gekauft, der ihn wieder vollends repariert.

Isländer mit feinen Signalen reiten

Das ist in der Kurzfassung das, was mit dem Isländer Dyri passierte. Vor einigen Jahren kam er zu Philippa. Sie ist eine erfahrene Pferdefrau und machte aus ihm, damals siebenjährig, ein gutes Schulpferd für ihre Ponyreitschule. Bald ging er auch wieder mit Gebiss, machte einen super Job ohne zu parken und vermittelte seinen Reitern das allerfeinste Reitgefühl. Er war jahrelang in keiner Weise gefährlich für irgendeinen Reiter. Dyri konnte Gedanken erahnen und auf kleinste Signale hin umsetzen. Das blieb auch so in der Reitschule. Dyri wurde der Liebling von vielen Schülern dort. Ein Traumpferd, zuverlässig in jeder Situation.

Zügelhilfen vorsichtig nutzen

Einige Jahre vergingen. Als er Philippas damals achtjährige Tochter auf einem Wanderritt über Stock und Stein, durch Flüsse, über Autobahnbrücken und durch den Verkehr trägt, entscheidet sie: Er wird das Pferd ihrer Tochter. Er wird nicht mehr im Schulbetrieb gehen. Jahre vergehen, er macht das Mädchen glücklich und sie lernt, ihn komplett über den Sitz zu reiten. Denn Dyri duldet keine deutlichen Zügelhilfen, da ist er empfindlich, das Thema aus seinem vergangenen Leben ist geblieben. 2018, die Tochter ist nun zwölf Jahre alt und mit Dyri, 13, gibt es erst einen enormen Höhepunkt und dann, wieder Monate später, den Absturz in Verhaltensmuster, die seit etlichen Jahren scheinbar verschwunden waren.

Zaumlos gymnastizieren

Dieser Höhepunkt war ein Reitkurs bei Lisa Röckener. Ein Bild davon ist in meinem Adventskalender zu sehen und es ist aus einem bestimmten Grund mit einem Zitat von Horsemanship-Trainer Ian Benson gekoppelt. Dazu aber später mehr, das hängt mit der Geschichte zusammen, wie sie ihn wieder hinbekommen haben.

Den Halsring richtig nutzen

Der Kurs hatte nichts mit dem Absturz zu tun. Er ist aber wichtig, um zu verdeutlichen, welche gute Bindung da war: Dyri ging mit Philippas Tochter erst mit Trense und Halsring, dann nur mit Halsring und letztlich ohne alles. Und zwar nicht nur geradeaus, sondern es waren sogar Galoppvolten möglich. Völlig frei. Das sind ganz wichtige Erinnerungen für die Besitzer von Dyri, die sie auch durch die schwierige Zeit später trugen. Die Tochter beschreibt dieses Kurserlebnis so: „Dyri war so gut am Sitz, ich musste nur denken, dass er dahin geht und dann ein bisschen mich in die Richtung setzen und dann hat er das gemacht.“ Die beiden ritten gemeinsam auf der Mittellinie über drei Trabstangen, oder absolvierten einen Hütchenslalom im Trab – komplett ohne Zaumzeug.

Ohne alles reiten wird möglich, wenn das Pferd ehrlich am Sitz ist

Lisa Röckener schaffte dafür den richtigen Raum: Erst durch Bodenarbeit, so konzentrierten sich alle gut aufeinander. Sie erklärte, wie der Biothane-Halsring genutzt werden muss, damit das Pferd versteht. Dann vermittelte sie dem Reiter-Pferd-Paar das Gefühl: Das geht, ihr könnt das. Und es war tatsächlich möglich. Da galoppierte ein imposanter Isländer zaumlos durch die Halle und machte all das, worum ihn seine kleine Reiterin bat. Die Ausbilderin machte Mut: „Ohne den Lisa-Kurs hätten wir es nicht versucht“, erzählt Philippa, sie seien nur schon mal außen herum, auf dem Hufschlag ohne Zaum oder nur mit Halsring geritten, aber nie mit gymnastischem Anspruch. „Ich hätte schon gedacht, dass der auch mal irgendwo hinschießt und Mist baut“, sagt sie. Durch das Erlebnis wurde ihr bewusst, dass ihre kleine Tochter gelernt hatte, den Isländer weitgehend nur über den Sitz und nicht über die Hand zu reiten. Eben weil Dyri diese Geschichte hatte, war ihr das Reiten mit feiner Hand in Fleisch und Blut übergegangen. Und eben das war dann auch ohne Zaum abrufbar.

Ein feines Schulpferd

„Ich hätte nicht gedacht, dass man diese Pferde so fein und präzise reiten kann ohne Zaum“, erzählt Philippa. Es  war außerdem auch eine Bestätigung für ihre bisherige Arbeit: „Die Feinheit, Kooperation, Freude an Mitarbeit ist ungebremst vorhanden, obwohl Dyri längere Zeit als Schulpferd ging und nun meiner Tochter gehört!“

Der Rückfall in alte Muster

Auf diesen Höhepunkt folgten einige ganz normale Monate – und dann ein Rückfall in alte Muster. Über den ganzen Sommer hinweg wurde Dyri nicht mehr händelbar für die Tochter. Nach vier gemeinsamen Jahren ohne solche Vorkommnisse. Ohne, dass er zuvor überbeansprucht wurde. Ohne, dass eine reiterliche Ursache gefunden werden konnte. Woran das lag und wie die beiden ihren alten Dyri wieder bekommen haben, das liest Du auf dem Blog. Dieses Erlebnis im Kurs war eine Erinnerung, die seine Besitzer durch diese schwierige Zeit trug.
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