Ich hatte einen Hund

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Es ist Sonntagmorgen. Sonnig, Vögel zu hören, das Fenster steht auf. An einem normalen Tag würde ich jetzt mit Hund und Kind zum Stall gehen. An einem normalen Tag. 

Als ich gestern Abend ins Bett ging, dachte ich: noch schnell heruntergehen, dem Hund über den Kopf streichen. Als ich aufstand, dachte ich: hab’ ich da den Hund gehört? Als ich gestern ins Auto stieg, und vorn vor dem Beifahrersitz die Einkäufe vom Bäcker hinplatzierte, und meine Tochter fragte: „Wo hast Du denn den Kuchen hingetan?“ und ich sagte: „Vorn, beim Beifahrersitz“, da war es kurz still im Auto. Dann sagte meine Tochter: „Da saß Nike immer.“ Es war genau das, was ich ebenso gedacht hatte. 

 

Es gibt keine Nike mehr. Es gibt noch diese Automatismen in meinem Kopf, die immer noch denken, wir leben mit ihr. Bürotür aufschließen: „Moment, der Hund muss noch mit hereinhuschen.“ Ach nein. Etwas fällt auf den Boden: „Wir haben ja einen vierbeinigen Staubsauger.“ Quatsch. Einkäufe im Flur abstellen: „Oh nein, dann klaut Nike das.“ Auch das nicht mehr. Fahrten zur Familie: „Sind alle im Auto? Nike fehlt doch!“ Ja. 

 

Sie fehlt. 

 

Sie ist 13 oder 14 Jahre alt geworden, genau weiß ich es nicht, denn sie war ein Tierschutzhund aus Griechenland, der nach Deutschland kam, als Athen für die Olympischen Spiele seine Straßen hundefrei haben wollte.

Sie kam zu mir, als ich Studentin war. Mitte zwanzig, unglücklich, und ich dachte: jetzt einen Hund anschaffen. Jetzt, oder erst, wenn Du in Rente bist. Beknackt, aber so war es. Ich wollte unbedingt einen Dalmatiner, weil ich sie so freundlich fand, so verspielt bis ins hohe Alter, und weil sie am Fahrrad rennen können. Ich wollte keinen aus einer Zucht, weil die Dalmatinerfärbung immer die Gefahr beinhaltet, dass Welpen taub sei können. Kann man unterstützen, so etwas in Kauf zu nehmen? Ich nicht. Aber mit dieser Tierheimhund-Lösung konnte ich leben. Meine Pferde, damals zwei, standen 10 Kilometer stadtauswärts, ich wohnte in der Innenstadt. Ich hatte kein Auto, und Nike rannte von Anfang an mit mir dorthin, zwanzig Kilometer am Tag. Als sie kam, hatte sie furchtbare Angst vor Männern. Hob man die Leine hoch, schmiss sie sich auf den Boden. So, als ob sie erwarten würde, dass man jetzt draufhaut. Sie kannte ihren Namen nicht, sie tat in der Wohnung so, als sei sie nicht da. Hockte sich hinter Sessel, versuchte unauffällig und leise zu sein, hatte keine Ahnung, wie man an der Leine ging, wo man als Hund auf Toilette gehen darf. 

In ihrer ersten Nacht bei mir stellte sie sich zähnefletschend vor mich, als ich aufstehen musste. Ich hielt ihr eine handvoll Futter unter das Maul. Es war eine Intuition, ich war kein Hundeversteher damals. Es war richtig. Sie hatte einfach vergessen, wo sie war, der ganze Hund war nur ein Bündel voll Angst. Von da an war klar, dass ich ihr nie etwas tun würde. 

Nie wieder in ihrem Leben hat sie irgendeine Aggression gegen Menschen gezeigt. Als meine Tochter ein Krabbelkind war, zerdrückte sie Nikes Ohr. Nike heulte und winselte und hielt still. Sie wartete, bis ich ihr Ohr aus den Kinderhänden befreite. So war mein Hund. 

Mein Hund, der stundenlang in Decken gehüllt in der Reithalle auf mich wartete. Mein Hund, der mit mir im Zug gereist ist, der mit mir in England und in der Schweiz gewohnt hat, der in Berlin und auf dem platten Land mal mit mir zuhause war. Mein Hund, der neben meinem Pferd durch den Wald in Aachen gerannt ist, durch die Berge im Westerwald, im Feld im Münsterland und auf den Sandwegen Brandenburgs. 

Ich könnte heulen und fluchen, dass Hunde nur so wenige Jahre leben. Schon komisch, sagt mein Mann, für uns waren es ein paar Jahre, für Nike war es ihr ganzes Leben.

So ein schönes Leben hatte sie doch, sagen Freunde. Sei dankbar für die Zeit. Was soll man schon sagen, ich weiß. Es  tröstet mich nur nicht. Es war einfach mein Hund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwann noch mal einen Hund geben wird, der mir so nah ist.

Vielleicht ist es ja einfach nur der Schmerz der ersten großen Hundeliebe, die gegangen ist. 

Nein, sagt mein Freund T. Es ist auch traurig wegen Dir selbst. Du wirst einfach nie mehr dieselbe sein. Vielleicht stimmt auch das. Nike war da, als ich studierte, als ich ein wildes Leben führte. Als ich in die Großstadt zog, und mich halbtod arbeitete, als ich heiratete, als ich ein Kind bekam, als ich aufs Land zog. 

Das Mädchen mit dem Dalmatiner. 

Das war ich.

Muss ich mal nachsehen.

 

 

P.S.: ich habe noch ein paar Bilder mehr von meiner Nike auf den Blog gestellt. Wer gucken mag, sehr gern.