„Wer ein Mal die Woche reitet, kommt nicht vom Fleck!“ – Interview mit Eckart Meyners

Franklin-Baelle

Ein Mal die Woche üben bedeutet: Stillstand. Das sind harte Worte von jemandem, der es wissen muss. Sportpädagoge Eckart Meyners hat die Bewegungslehre im Reitsport etabliert und sich sein ganzes Berufsleben lang mit Training von Reitern beschäftigt. Wir haben mit dem Sportpädagogen überlegt, welche Übungen geeignet sind, um mit wenig neuem Aufwand besser im Sattel zu sitzen.

Drei Übungen stellt Eckart Meyners vor, die den Sitz des Reiters positiv beeinflussen. Seine Bewegungslehre verspricht ja, dass man im Sattel besser einwirken kann und einfach besser reitet, wenn man den Körper durch Turnübungen darauf vorbereitet. Wie man als Reiter fit wird, und wie viel oder wie wenig man dafür üben muss, verrät er uns in diesem Interview. 

Ideal für alle, die sich vorgenommen haben, im neuen Jahr etwas für ihre Reiterfitness zu tun!  

Herr Meyners, jetzt im Januar nehmen sich viele Reiter vor, etwas für die eigene Fitness zu tun. Wenn man bisher so gar nichts außer Reiten gemacht hat, womit sollte man beginnen?

Oh! Das ist eine schwierige Frage. Ich würde sagen: Mit dem Balimo.

Diesen Stuhl haben Sie entwickelt, jetzt denkt vielleicht der ein oder andere unserer Leser: „Die wollen da nur etwas verkaufen!“ Dürfen die Leute denn alternativ mit einem großen Gymnasikball üben?

Ich bin einfach überzeugt davon, dass der Balimo den Leuten am besten hilft. Genau das ist übrigens der Fehler, den so viele machen: Denken, dass der Gymnastikball genauso wirkt. Doch beim Gymnastikball befindet sich der Drehmoment unten am Boden – deshalb kann er ihnen auch wegrollen. Beim Balimo bleibt man innerhalb des Körpers, und genau da liegt auch der Drehmoment. Ich stimuliere damit die für die Haltung zuständigen Muskeln. Er stimuliert den Körper von der Hüfte aus bis zu den Kopf- und den Zehengelenken.

"Der Dialog zwischen Reiter und Pferd funktioniert über den Rücken des Pferdes und der Wirbelsäule des Reiters."

Es ist Ihnen wichtig, genau diese drei Zonen zu stimulieren, Kopf, Hüfte, Füße des Reiters. Warum?

Entscheidend ist ja der Dialog zwischen Reiter und Pferd. Dieser funkioniert über den Rücken des Pferdes und die Wirbelsäule des Reiters. Diese beiden müssen miteinander in Kontakt kommen. Deshalb ist die Mobilisierung des Beckens enorm wichtig. Weiter möchte ich Verspannungen lösen, damit die Bewegungen durchfließen können.

Was würde denn passieren, wenn man nur das Becken des Reiters stimuliert, nicht aber die Extremitäten?

Stimuliert man das Becken alleine, ohne Kopf- u Fussgelenke mit einzubeziehen, dann kommen die Bewegungen nicht unbedingt deutlich an. Das ist hoch interessant! Auch umgekehrt: Wenn ich durch Übungen am Kopf Atlas und Axis stimuliere, dann schwingt plötzlich der Absatz am Reiterbein durch. 

Wenn der Reiter beginnen möchte, etwas für seine Beweglichkeit im Sattel zu tun, welche Übungen ohne Balimo würden Sie empfehlen?

Die Hüftmobilisation auf dem Stuhl zum Beispiel. Dabei hebt der Reiter abwechselnd die linke und rechte Hüfte an, erst indem er voll auf dem Stuhl sitzt, dann auf der Kante, dann rückwärtig, also zur Lehne gewandt. Das ist arg verkürzt beschrieben – nachzulesen ist die ganze Übung in meinem Buch. 

"Erfolg kann man nur über Variationen erhöhen!"

Eine Beschreibung dürfen wir hier ganz genau wiedergeben, die finden alle Leser unter dem Interview. Was ich noch gern wissen würde: Wie häufig sollte man das machen, um einen Effekt zu haben?

Wichtig ist, die Übungen langsam und weich auszuführen. Dann sollte man acht bis zwölf Mal wiederholen in einer Einheit. Außerdem wichtig zu wissen ist: den Erfolg kann man nur über Variationen erhöhen!

Was bedeutet das, ‚Den Erfolg durch Variationen erhöhen’?

Nach dem langsamen Beginn sollte man unterschiedliche Tempi wählen. Und den Krafteinsatz verändern: Mal leicht und weich die Übungen ausführen, mal mit mehr Kraft. Dann die Position auf dem Stuhl verändern. Das sind Prinzipien, um Erfolg zu haben: Tempo, Kraft und Position verändern.

Eckart-Meyners
Franklin-Baelle-Reiten

Okay, also innerhalb einer Übungseinheit wiederhole ich 8-12 Mal und wechsle dabei in Tempo, Kraft und Position ab. Wie häufig in der Woche sollte man das denn machen, um einen Erfolg im Sattel zu sehen?

Möglichst täglich, man sollte diese Übungen möglichst wie das Zähneputzen einbeziehen. Morgens nehme ich mir zum Beispiel eine Stunde Zeit dafür.

"Wer ein Mal die Woche reitet, kommt nicht vom Fleck."

Oh, das ist engagiert! Herr Meyners, wenn wir empfehlen, jeden Tag eine Stunde zu turnen, traut sich wahrscheinlich die Hälfte der Leser nicht, überhaupt anzufangen! Wie häufig muss man es denn mindestens machen, um besser zu reiten?

Zwei Mal die Woche auf jeden Fall! Und dann erhöhen, auf drei, vier Mal zum Beispiel, besser eben täglich. Ein Mal die Woche bringt kaum etwas. 

Weshalb bringt das nichts?

Ganz arg verkürzt kann man das so vergleichen: Es ist wie beim Lauf- und Ausdauertraining. Ein Mal die Woche Training erhält die Kondition, alles darüber steigert de Kondition. Das ist genau wie beim Reiten: Wenn sie ein Mal die Woche reiten, kommen sie nicht vom Fleck. 

Der innere Schweinehund schaut ja gern vorbei nach einiger Zeit vorbei. Erst klappt so ein neues Training ein, zwei Wochen lang, dann wird’s vergessen. Gibt es Mini-Übungen, die man im Alltag, ohne Matte oder so, zwischendurch machen kann?

Auf den Fusskanten laufen, das kann man zwischendurch machen, zum Beispiel. Mal auf der Außenkante, mal auf der Innenkante. Was dadurch passiert, ist erstaunlich, danach im Sattel beginnen viele Reiter, viel besser mitzuschwingen. Wer das macht, dazu noch die Muskelstränge zum Kopf hin massiert, und das Becken mobilisiert, hat schon die drei wichtigsten Punkte angesprochen – in zehn, fünfzehn Minuten, das ist ja wirklich nicht viel. 

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>>> TIPP:

Die Übungen kann man hier auf unserer Streaming-Plattform im Film sehen, die Serie heißt "Bewegungsgefühl für Reiter".  Wer die gleichnamige DVD daheim haben möchte, kann sie hier im wehorse-shop bestellen. Ganz unten auf dieser Magazinseite hier haben wir eine der Übungen schon für Euch aufgeschrieben.

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Prima, dann hätten wir ja drei Übungen für Reiter, die zwischendurch turnen möchten. Manchen fällt es aber auch leichter, etwas zu tun, wenn ein Gegenstand hinzu kommt. Die Franklin-Bälle sind ja in aller Munde, welche Übung daraus könnte man herauspicken zum Empfehlen? 

Man kann hervorragende Sachen damit machen, aber mit diesem Hype, der darum entstanden ist, denken mir zu viele Leute: Ich brauche keinen Unterricht mehr, ich brauche nur noch Bälle. Dabei funktioniert es umgekehrt: Erst wenn man die Bälle eingesetzt hat, geht das reittechnische Arbeiten los!  

Sie haben ja selbst ein Bälleset für Reiter herausgebracht, und die Rückmeldungen sind ja wirklich gut. Mir fällt da das Mädchen im pferdia-Film zu ein, die begeistert ist, dass sie mit den kleinen roten Bällen unter den Oberarmen bemerkt, dass ihre Hand ruhiger bleibt und das Pferd zufriedener geht. Ruhigere, feine Hände wünscht sich ja fast jeder Reiter! Im Film wird erklärt, dass die Schultern durch die Bälle entspannter werden, und dadurch die Hand des Mädchens besser einwirkt bzw. eben nicht unerwünscht einwirkt (Hier ist der Film dazu)

Das stimmt ja auch. Handprobleme sind immer auch Beckenprobleme. Wenn das Becken mitschwingen kann, ist die Unruhe geringer und auch bei den Händen kommt weniger unerwünschte Bewegung an. Und da sind wir wieder beim Balimo. 

Ich sehe: Sie sind überzeugt. Wie viele von denen stehen denn bei Ihnen daheim?

Einige, vier im Esszimmer, einer in meinem Arbeitszimmer, einer bei meiner Frau. Die sitzt übrigens fast den ganzen Tag darauf! Ein interessantes Detail: Das kann ich als Mann, der steilere Sitzbeinhöcker naturgemäß hat, nicht. Ich brauche nach zwei Stunden Variationen.

>>> ÜBUNG: Das Becken mobilisieren

Das ist die Übung, von der Eckart Meyners im Interview spricht. Notwendig dafür: Ein Stuhl und wenige Minuten Zeit!

  1. Auf einen Stuhl setzen, Füße nebeneinander, Gesäß vollflächig auf der Sitzfläche
    a) Nacheinander rechte und linke Hüfte anheben
    b) Nachfühlen: Wie hoch ist das möglich? Einfach oder leicht?
    c) Zehn mal wiederholen pro Seite

  2. Auf die Stuhlkante setzen, a, b, c durchführen

  3. Nach hinten an die Stuhllehne rutschen, Oberkörper nach vorn lehnen, mit den Unterarmen auf den Oberschenkeln abstützen. Wieder a, b, c durchführen.

  4. Position halten, aber das Gewicht so gut wie möglich auf einen Oberschenkel verlagern. Wieder a,b,c durchführen

  5. Die erste Übung wiederholen und nachfühlen: Fühlt sich das jetzt einfacher und leichter an?
    Normalerweise ist es nun möglich, die Hüftseiten weit höher und leichter zu heben. (Die Übung stammt aus dem Buch Bewegungsgefühl und Reitersitz, Eckart Meyners, Kosmos-Verlag) Eckart Meyners empfiehlt, im Anschluss die Übungen auch auf dem Balimo-Stuhl durchzuführen und weitere Varianten, die in seinen Filmen und Büchern vorgestellt werden, hinzuzunehmen.

 Viel Erfolg und Freude beim Üben!