Interview Kurd Albrecht von Ziegner: Vom Dehnen bis zur Piaffe

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Auf dem runden Esstisch steht eine Kanne mit silberner Schütte, „Damenpreis Jagdrennen 9.11.1894“ ist darauf eingraviert. Ein Erbstück. Wir sind daheim bei Kurd Albrecht von Ziegner. Der Reitausbilder, 97 Jahre alt, sitzt auffällig aufrecht am Tisch. Ab und an trinkt er ein Schlückchen Kaffee, neben seiner Tasse liegen seine neuesten Notizen zur Pferdausbildung. Soeben haben wir eine Unterrichtseinheit mit seinen Schülerinnen gesehen (dazu mehr HIER). 

Sie betonen im Unterricht, dass sie die Piaffe immer aus dem Sattel entwickeln, nie an der Hand üben. Warum?

Ich persönlich habe nie vom Boden aus Unterstützung gehabt, ich habe von Anfang an gelernt, in die Piaffe reiten zu können. Das versuche ich auch den Damen beizubringen. Bisschen Kreuz anziehen und loslassen. Das ist ein riesiger Unterschied zu Praktiken, bei denen das Pferd Stress bekommt.  

Zum Thema „Kreuz anziehen“ gibt es ja die unterschiedlichsten Erklärungen. Wie beschreiben Sie es ihren Schülern?

Das zeige ich am liebsten in einer Turnübung. Der Reiter legt sich flach mit dem Rücken auf den Boden. Dann soll er das Gesäß anheben, so dass eine flache Hand zwischen Gesäß und Boden passen würde. Genau das ist die Bewegung, die „Kreuz anziehen“ meint. Auf gar keinen Fall den Bauchnabel einziehen, das ist Quatsch! 

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Sie betonen, wie wichtig Ihnen ein gut gerittener Schritt ist. Was kennzeichnet für Sie einen guten Schritt?

Der optimale Schritt ist ruhig in gesamtem Gehabe. Das Pferd schreitet raumgreifend vom Hinterbein bis in die Hand hinein. Das Reiten am lagen Zügel ist eine ständige Lektion die wir verlangen! Auch während der Arbeit soll das Pferd am langen Zügel schreiten können. Ich lege Wert darauf, dass Pause gemacht wird – aber das bedeutet arbeiten, reiten, fühlen, und nicht etwa die Zügel wegschmeissen und eine Zigarette rauchen!

Im Unterricht haben Sie oft auf das Genick als höchster Punkt hingewiesen. Erklären Sie bitte, warum das so wichtig für die Ausbildung ist und wann sie Abweichungen davon tolerieren. 

Nur beim Lösen des Pferdes darf das Genick nicht der höchste Punkt sein. Es darf sich lang strecken, und die Nase muss am Zügel bleiben. Es darf dabei jedoch nicht den Hals aufrollen, sonst sind wir bei LDR, Low-deep-round, dem Kompromiss zur Rollkur, gelandet. Das Problem dabei ist, dass man damit kein Pferd hintendran bekommt! Das verstehen so viele Menschen nicht! Geht das Pferd hinter der Senkrechten, macht es den Rücken fest! 

Von wem haben Sie reiten gelernt?

Als Kind habe ich bei meinem Onkel in den Ferien geritten. Er war Rittmeister, und ich durfte in seinem Schwadron mitreiten. Wenn die Truppe absaß für Gefechtsübungen, habe ich zum Beispiel drei Pferde der anderen mit fest gehalten

Reitunterricht-Kurd-Albrecht-von-Ziegner

Das waren Ihre Reitanfänge. Wer hat sie weiter ausgebildet?

Als Rekrut wurden wir von Wachtmeister Dobrinsky geschult. Im Gleichschritt ging es zu 16 Mann morgens zum Stall, Holzpantoffeln an den Füßen, und die Stiefel geschultert, damit sie blank geputzt blieben. Wir ritten vormittags und nachmittags. Ich lernte auch bei Oberst Winkel, der in Warendorf an der HdV12 und den späteren Richtlinien mitgearbeitet hat. 

Und bei Podhajski, dem legendären Leiter der Spanischen Hofreitschule?

Für ein halbes Jahr war er jeden Tag mein Lehrer. Ich durfte sein Olympiapferd Nero reiten, mal piaffieren. Er hat mir bei der Verfeinerung von Sitz und Hilfen geholfen.P... war ein echter Reiter, ein kluger Mensch, mit guten Manieren. 

Könnten Sie sagen, welche Phase am wichtigsten für Sie war?
Ich habe mir viel selbst erarbeitet, viel gelesen, viel angeguckt und selbst überlegt und geschrieben.  

Wenn Sie es noch einmal entscheiden könnten, würden Sie nochmal Reitlehrer werden?
Auf jeden Fall! Ich bin fasziniert von Pferden und ihrer Ausbildung, und auch der Ausbildung von Menschen! Was für große Möglichkeiten hat man da!