„Ich versuche, Kinder zu Pferdemenschen auszubilden, und nicht vorwiegend zu Reitern!“, sagt Nicole Holland-Nell im Interview

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Kleine Kinder brauchen einen anderen Unterricht, als ältere. Reitpädagogin Nicole Holland-Nell erzählt, wie Stunden für dreijährige Kinder aussehen können und wie Eltern die richtige Reitschule finden. Für alle Ausbilder in diesem Bereich hat sie eine gute Nachricht: Der Bedarf an pädagogisch orientiertem Unterricht ist riesengroß.

Was ist für ganz kleine Kinder wichtig?

Sie möchten Zeit mit dem Pony zu verbringen. Sich um die Pflege kümmern, kuscheln, oder auch mit Hilfestellung Hufe auskratzen. Das alles sehr spielerisch: Auch die kleinen Jungs finden es zum Beispiel toll, sich vorzustellen, sie seien Bob der Baumeister, wenn sie den Huf auskratzen.  

Und was kann in dem Alter schwierig sein?

Im Alter von drei oder vier Jahren ist es noch schwierig, teilen zu können, also auch, ein Pony zu teilen. Oder die Kinder spielen viel Hoppe-Hoppe-Reiter, und möchten eigentlich nur reiten. Wobei das eher seltener vorkommt. Aber auch solche Kinder merken schnell, wie schön das ist, mit dem Pferd Zeit zu verbringen, zusammen zu sein, es zu führen, auf Abenteuer- oder Traumreise zu gehen. Es geht bei dem Konzept, nach dem ich arbeite, ja nicht um's Reiten lernen. Die Kinder tauchen voll in die Welt der Ponys ein, darum geht es.

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Das Team Pony Concept arbeitet viel mit Sing- und Mitmachspielen, das finde ich eher ungewöhnlich. Dadurch ist das Konzept perfekt für junge Kinder geeignet, die eben gern miteinander etwas erleben möchten, in der Gruppe. Diese Lernweise gibt es ja noch nicht überall – wonach können Eltern, die eine gute Reitschule für ihr kleines Kind suchen, denn schauen?

Jedes Angebot steht und fällt mit den Personen, die es umsetzen. Da kann das unbekannteste Höfchen mit eigen gestricktem Konzept richtig, richtig gut sein. Grundsätzlich kann man sagen, dass der Unterricht entwicklungsgerecht dem Kind gegenüber, ponygerecht und sicherheitsbewusst ablaufen sollte. Man muss ein Händchen für Kinder haben, einen pädagogischen Zugang, und natürlich Pferdeverstand. Damit meine ich jetzt nicht, dass der Lehrer ein guter Turnierreiter sein muss. Er sollte einen guten Umgang mit dem Pferd an sich haben.

Wonach könnten Eltern denn fragen, um das einschätzen zu können?

Eltern können nach Erfahrung und Fortbildungen fragen. Viele Anbieter arbeiten im Nebenerwerb mit Ponies und Kindern, und sitzen tagsüber zum Beispiel im Steuerbüro. Das ist nicht prinzipiell schlecht! Aber man kann sich schon mal nach den Fortbildungen erkundigen. Es ist gut, wenn nicht alles autodidaktisch angelesen ist, sondern der Ausbilder sich auch weiterbildet. Außerdem kann man als Mutter durchaus mal nachfragen, ob es eine Schulpferde- und Betriebshaftpflicht gibt. Und schauen sie sich die Schulpferde an! Sind sie gut ausgebildet? Man kann auch konkret fragen: „Gibt es Anfängerpferde und Ponies für kleine Kinder?“ Es bringt nichts, kleine Kinder mit Haflingern oder Freibergern zu kombinieren.  Ein harmonisches Bild ist viel besser: Kleine Ponys zu kleinen Kindern. Und hinschauen sollte man natürlich, wie gepflegt die Pferde aussehen. Besonders wichtig für Eltern ist, ob die Kinder dort gut und sicher aufgehoben sind. Werden die Kinder während der ganzen Zeit auf dem Hof beaufsichtigt und gut betreut? Das kann man nachfragen.

Achten Sie darauf, wie der Tonfall im Miteinander ist - das sagt viel über eine Reitschule aus! 

Häufig kennen die Eltern sich aber noch gar nicht in der Reiterwelt aus. Dann ist es schwer, das zu beurteilen.

Das stimmt. Doch auch ein Laie wird sehen können, ob die Pferde im hohen Mist stehen oder nicht. Ganz unbedarfte Eltern muss man als Ausbilder gegebenenfalls aufklären, dass Pferde, die mit glänzendem Fell in der Box stehen nicht unbedingt ein schöneres Leben haben als die, die in der Gruppenhaltung draußen stehen und sich im Dreck nach Lust und Laune wälzen können. Was man aber sofort merkt, ist der Ton, der im Miteinander herrscht. Damit meine ich: Geht man freundlich und achtsam miteinander und mit den Pferden um? Oder ist die Atmosphäre gestresst und kinderunfreundlich? 

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In den Team Pony Schulen sind Kinder zwischen drei und neun Jahren. Was kommt danach?

Dann geht es um das aktive, eigenständige Reiten lernen. Manche Team Pony Schulen bieten jetzt schon Gruppen ab neun oder zehn Jahren an, MaxiPlus Gruppen heißen sie. Das haben wir entwickelt, weil wir oft nicht wissen, wohin wir die Kinder nach den Gruppen bis neun Jahre schicken sollen. Es gibt einige sehr gute Reitschulen, aber viel zu wenige. Es gibt einen großen Bedarf an guten Kinderschulen! Wir freuen uns da auch über gute Kooperationen, wo wir unsere Kinder nach der Ponyschule guten Gewissens hinschicken können.

Die Kinder lernen das Pferdeverhalten einzuschätzen, sie kennen die Anatomie des Pferdes und können ein Pferd eigenständig zum Reiten vorbereiten.

Was können die Kinder denn, wenn sie mit neun Jahren der Team Pony Schule entwachsen sind?

Die Kinder gehen sehr selbstvertraut mit den Ponys um, weil sie zum Pferdeversteher geworden sind. Sie haben die Pferdesprache und die Verhaltensregeln im partnerschaftlichen Umgang gelernt. Sie kennen die Bedürfnisse der Pferde und wissen, dass Pferde wie wir auch mal einen schlechten Tag haben können und das auch zum Ausdruck bringen.  Die Kinder wissen aber auch in der Pferdekunde ganz viel. Die Basisarbeit ist grundlegend geschafft. Sie können ihr Pony selbständig zum Reiten vorbereiten. Sie kennen sich in der Pflege gut aus, können sehr gut führen, haben viele Führparcoure absolviert. Sie kennen sich in der Anatomie aus, können zum Beispiel Körperteile des Pferdes benennen. Die Kinder wissen, wo das Knie des Pferdes und der Ellenbogen ist, und wo die Schulter ist. Das haben sie nicht stur auswendig gelernt sondern zum Beispiel über Musik, Spiele, aber auch andere kreative Medien.

Reiten selbst kommt nicht vor?

Nicht als Schwerpunkt. Auf dem Pferd sitzen sie die Kinder bei uns im Schritt, ab und zu wird getrabt, manchmal an der Longe galoppiert. Wir fördern die Kinder in der Entwicklung ihrer Grundmotorik. Und das nicht nur auf dem Pferderücken. Unsere Spiele haben einen hohen Bewegungsanreiz, viele Bewegungserfahrungen werden dadurch gemacht.

Gruppenspiele in der Reithalle - ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts

Mich überraschen vor allem Gruppenspiele des Konzepts, bei denen die Bedürfnisse von Pferden gut erklärt werden, zum Beispiel der Fluchtinstinkt. Woher kommen diese Ideen?

Meine Wurzeln liegen in der Erzieherausbildung und Übungsleiterin für Breitensport und Psychomotorik. Ich habe Sportgruppen in Vereinen, Kitas und Schulen geleitet. Dazu kommt natürlich meine Pferdeleidenschaft, und so habe ich viele traditionelle Spiele aus dem Sportunterricht umgeschrieben. Die ersten Jahre habe ich das mit einer Kollegin gemeinsam gemacht und die Ponyschule aufgebaut. In jeder Übung, in jedem Spiel, ist ein Lernkonzept dahinter.  Den Kindern ist währenddessen gar nicht so klar, was sie alles nebenbei lernen. Es macht ihnen Spaß, und dadurch sind sie emotional eingebunden. So können Kinder in diesem Alter am besten lernen, am besten noch kombiniert mit Bewegung, denn sie wollen sich bewegen und etwas erleben.

Wenn die Basis stimmt, dann wachsen einfühlsame und verantwortungsvolle Reiter heran. 

Was treibt sie denn an, so zu arbeiten? Gibt es da eine Vision?

Ich möchte den Grundstein legen zum harmonischen Miteinander von Pferd und Kind. Wenn die Basis stimmt, dann wachsen ganz einfühlsame und verantwortungsvolle Reiter heran. Ich versuche Kinder zu Pferdemenschen auszubilden, und nicht vorwiegend zu Reitern. Das ist auch ein großer Beitrag für den Tierschutz.

Und das gibt es noch nicht?

Nicht genug! Es gibt viele kompetente Reitschulen und tolle kindgerechte Reitlehren, die ich sehr schätze und anerkenne. Aber wir brauchen viel mehr gute Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder, der Bedarf ist sehr hoch.