Wie Ingrid Klimke einen Geländeparcours abgeht

Im Gelände mit Ingrid Klimke: Über den idealen Weg. Plus:  In welchen Situationen der Reiterin selbst die Spucke weg bleibt und wann sie mal ein Pferd mit der Gerte verteidigen wollte. Ihr könnt Euch unseren Spaziergang über das Gelände übrigens auf Instagram ansehen, hier in den Highlights! 

Ein Gastartikel vom Blog www.alifewithhorses.de

Der wichtigste Satz lautet: „What happens if...? Das sagt Ingrid Klimke, als sie uns über die Geländestrecke des CHIO Aachen führt. Wir, das ist eine Gruppe von Fernsehteams, Journalisten und Sponsoren, plus Ingrid Klimkes nächstes Umfeld: Ihre Kinder, ihre Managerin und ihre Mutter.

„What happens if...?“ ist wichtig, weil es im Gelände vor allem darum ginge, sich Alternativen zu überlegen, sich Situationen vorzustellen und die eigene Reaktion durchzugehen. „Man muss auf der Strecke in Sekundenbruchteilen entscheiden!“ Weniger nützlich sei, den idealen Traumparcours vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen.

Bobbys Aufgaben auf der Geländestrecke

Eine Stunde läuft sie mit uns hier bergauf und bergab, es ist der Donnerstag des Turniers in Aachen. Das Ablaufen wird sie in den nächsten Tagen selbst noch fünf, sechs Mal machen. Um den Kurs zu verinnerlichen, um die Strecke intuitiv zu kennen. „Ich bin für den Weg und das passende Tempo zuständig, den Rest überlasse ich meinem Bobby!“ Bobby ist der Kosename für Hale Bob, ihrem besten Vielseitigkeitspferd. Samstag ist dann ihr Starttag. Heute, am Tag nach dem Turnier, ist das Ergebnis klar: Ein Vorbeiläufer. Titelverteidung adé. Das Hindernis, das ihr die Titelverteidigung kostet, stellt sie uns auf diesem Courswalk intensiv vor. Und ja, es ist beeindruckend. Dazu später mehr.

Flott los am Start

Das Gelände ist natürlich anspruchsvoll hier, es ist Aachen und es ist die letzte wichtige Prüfung vor den Weltreiterspielen. Trödeln kann sich niemand erlauben. 570 Meter pro Minute müsse man reiten, um in der Zeit zu bleiben, erklärt Ingrid Klimke. Sieben Minuten so ungefähr sind die Reiter unterwegs. Die Strecke sei technisch schwierig und deshalb müsse sie am Start flott los kommen, damit sie für die technischen Schwierigkeiten Zeit habe.

Egal, wie schwierig das hier ist, es ist auch unglaublich malerisch: Alte Bäume, sanft geschwungene Wiesen, Brückchen und sogar ein Gehöft mitten im Parcours bilden die Grundlage, auf der die dicken Sprünge aufgebaut sind.

Vielseitigkeit muss geplant sein

Wir gehen vom Start aus die Wiese hinab, nach einer Galoppstrecke kommt der erste dicke Hund: Ein Sprung unter einem Baum. „Schauen Sie das mal an, wie die Pferde es ansehen würden“, sagt Ingrid Klimke und weist auf die offene Wiese, aus deren Richtung unsere Gruppe hierher gelaufen ist. Alles weit, offen, hell. Und dann kommt plötzlich ein Sprung, der im Schatten eines Baumes liegt und von dem eingerahmt wird. Das ist schwierig für’s Pferd wahrzunehmen. „Hier muss ich parieren! Aufrecht hinsetzen, tiefe Hand!“ erklärt die Reitmeisterin. Diesen Sprung würde man am besten anreiten „wie einen Oxer im Parcours.“

Baumstämme anreiten

Es folgt eine Senke und ein dicker fetter Baumstamm. Ob sie den links oder rechts tendenziell anreitet, entscheidet, welchen Sprung sie danach nehmen wird, es gibt nämlich zwei Alternativen. Dieses aus der Senke einen Sprung anreiten wird häufiger abgefragt: So auch bei dem Sprung, der später die Titelverteidigung kosten wird. Ein richtiges Loch ist da in der Wiese, „kommen sie mal mit, wir laufen da mal durch und dann sehen Sie, wie man vor den Sprung kommt!“ ruft Ingrid Klimke noch, und ist schon losgerannt. Runter in die Kuhle, wieder rauf – und man steht vor einem schmalen Bürstensprung, der vorn nur knapp breiter ist, wie meine Hüfte. Wie schwierig das sein mag, ihn anzureiten, ist sofort klar. Genau da wird Bobby später dran vorbei gehen.

Dressur und Springen noch dazu

Aber Ingrid Klimke hatte ja mehrere Eisen im Feuer: Sie war mit vier Pferden in Aachen, mit Dressurpferd Bluetooth gewann sie eine Prüfung, mit Franziskus wurde sie zweite in der Flutlichtdressurkür, mit Parmenides sammelte sie ebenso eine silberne Schleife ein (mehr dazu hier).

Es gab übrigens noch zwei Situationen dort, die viel über die Person Ingrid Klimke erzählen. Diese hier zum Beispiel:

Paddockbau nach dem Turnier

Es gibt nur wenige Momente, in denen Ingrid Klimke die Gesichtszüge entgleisen – sie ist ein Vollprofi. Doch eine ganz simple Frage einer Fernsehjournalistin schaffte das: „Das ist anstrengend für Sie, oder?“ Gemeint war die Führung durch den Geländeparcours, über Wiesen bei 30 Grad, mit zwanzig, dreißig Sponsoren und Journalisten im Pulk. „Das hier?“ fragte Ingrid Klimke zurück und ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Entsetzen und Ungläubigkeit. Es ist tatsächlich eine witzige Frage, wenn man Ingrid Klimke schon mal auf anderen Turnieren von Sattel zu Sattel hat wechseln sehen, oder diese Geschichte schon mal gehört hat, wie sie nach einem langen Turniertag noch einen Paddock für ein Pferd aufbauen wollte, eigenhändig, wäre ja gut für das Pferd und der Abend noch lang.

Ingrid Klimke stutzte also kurz, schmunzelte dann und schlüpfte in die Rolle, die sie beherrscht wie keine andere: Die Sportlerin, die ihre Leidenschaft lebt. Sie erklärte, warum sie das liebt, was sie tut. Dass sie sich mal mit zehn Pferden selbstständig gemacht hat, um diese auszubilden. Dass es nun 15 sind und viele Menschen, die ihr den Rücken frei halten. Damit sie sich alleine aufs Reiten konzentrieren kann. Was großartig sei. Da wäre das Rumlaufen hier übers Gelände ja wohl eine Freude.

Wie Ingrid Klimke einen Springreiter verprügeln wollte

Der andere Moment: Unsere Frage danach, wie es denn sei, in einem Sport zuhause zu sein, in dem eben nicht alle pferdefreundlich unterwegs sind. Das war die Frage einer Zuschauerin und ehrlich gesagt habe ich nicht gedacht, dass wir darauf eine erfrischende Antwort bekommen. Denn niemand der Reiter möchte mit dem Finger auf andere Reiter zeigen. Doch Ingrid Klimkes Antwort war klar, amüsant und gleichzeitig diplomatisch:

 „Ich bemühe mich selbst Vorbild zu sein und die Pferde so zu behandeln, wie ich behandelt werden möchte“, sagte sie. Doch das reichte ihr früher nicht: „Ich muss sagen, ich habe Geduld gelernt. Denn früher als Jugendliche ist es mir wirklich mal so gegangen, dass ich zu einem Springreiter gegangen bin, der sein Pferd verhauen hat." Sie sagte zu ihm: „’Ich nehm’ ihnen die Gerte weg und eigentlich müsste man ihnen eine auf die Schwarte hauen!’ Der war wutentbrannt, weil er sich ja sowieso mit seinem Pferd gestritten hatte, und kurzfristig hatte ich Sorge, ob er jetzt auf mich losgeht. Aber dann hätte ich ja vom Pferd abgelenkt, wäre nicht so schlimm gewesen.“ 

>>  Wut auf schlimme Situationen im Reitsport – das war etwas, was auch ein ganz großes Thema in den Sozialen Medien in den letzten Tagen war. Meinen generellen Eindruck vom CHIO und den hässlichen Bildern vom Abreiteplatz findet ihr direkt hier auf dem Blog. 

banner-wehorse