Die Reiterinnen im Nachtkleidchen

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Das da oben bin zweimal ich. Einmal ein typisches Instagram-Bild: Im Nachtkleidchen. Nur: Wer trägt sowas tatsächlich? Deshalb seht Ihr daneben, wie meine tatsächliche Nachtwäsche aussieht. Das sieht man dann -  oh Wunder! - seltener oder nie auf Instagram.

Es gibt Likes dafür von Hunderten

Die Bilder sind Teil einer neuen Fotoserie von mir und Klara Freitag auf Instagram, die typische Fotomotive aus dem Netz mit der Realität abgleichen. Typische Motive, die auf den social media Kanälen besonders viel Anerkennung bekommten, meint Likes und Herzchen von Tausenden, haben nämlich mit der Reiterleben-Realität meist herzlich wenig zu tun. Was so sehr begehrt wird, bedient eine Sehnsucht. Welche ist das genau?

Romantische Pferdefotografie

Das wahrscheinlich beliebteste Bildmotiv verlangt nach Nachtkleidchen mit nackten Füßen und nacktem Pferd. Viele romantische Bilder auf den sozialen Medien haben diese Bestandteile, Frau oder Mädchen trägt offene Haare, ist barfuß und hat ein kurzes weißes Kleid an. Gern so einen Typ Sommerkleid, der auch als Nachthemd durchgehen könnte. Kühl analysiert macht so ein Motiv keinen Sinn: Barfuß plus Pferd ist supergefährlich. Zudem: Wer ist mit so einem Kleid beim Pferd? Wer trägt so ein Kleid ohne Schuhe auf Wiesen, im Wald oder gar im Wasser? Die wenigsten. Niemand.

Die Sehnsucht steckt dahinter

Doch dieses Motiv hat solch ein Sehnsuchtspotential, so viele Pferdefrauen wünschen sich solche Bilder mit ihrem Pferd. Wenn man diese Sehnsucht verstehen will, macht es keinen Sinn, das unempathisch zu analysieren. Denn hier geht’s um ein Gefühl: Die Beschwörung von Bindung (zu so etwas Nahem und gleichzeitig emotional Ungefährlichem wie einem Pferd), von romantischer Liebe und der Selbst-Stilisierung zu einer filigranen Schönheit. Dieses „Einmal-Prinzessin-sein“, das steckt in vielen von uns. Selbst manche Menschen, deren Leben ansonsten nach Rationalität hoch zehn schreit, mögen es, sich so darzustellen.

Das sagen Forscher dazu

Wie kommt das? Ich habe mal mit dem Forscher Peter Wippermann vom Trendbüro Hamburg über den Einhorntrend gesprochen. Er gilt als einer der renommiertesten Trendforscher Deutschlands und lehrte bis 2015 an der Folkwang Universität in Essen als Professor für Kommunikationsdesign. Die Faszination fürs Einhorn hat ein paar Aspekte, die auch zu diesen romantisierten Bildern passen.

Die Prinzessin auf dem Pferd

„Die emotionale Dimension spielt eine große Rolle“, sagte der Forscher. Es sei die alte Idee von der Prinzessin auf dem Pferd. Die Idee, dass man aussteigen könne aus dem Alltag, der eine Begrenzung hat und überwechseln kann in einen Erlebnisraum, der befreiend sei. „Sie steigen auf’s Pferd und sind jemand anderes“, erklärt er. Genau dieses Gefühl verdeutlichen diese Nachthemdchen- oder Ballkleidbilder. 

Beschwörung unserer femininen Seite

Sie beschwören eine optimistische Hoffnung, geben eine Möglichkeit, sich feminin darzustellen und schaffen einen Moment, der im Idealfall verzaubert wirkt. Es ist das Ausbrechen aus der Realität und gleichzeitig der Versuch, die Bindung zum Pferd und die Sehnsucht, die das Pferd stillt, in einem Foto festzuhalten.

Der Halsring wird wegretuschiert

Auf meinem Nachtkleidchen-Bild hat das Pony noch einen Halsring um. Ganz stilecht wäre dieses Motiv geworden, wenn das Pony gar nichts tragen würde. Am liebsten sind die Pferde auf dieser Art Bild ohne alles zu sehen. Halfter, Stricke, Trensen – das wird wegretuschiert. So dass der Eindruck von Freiheit und Freiwilligkeit im Bild entsteht. Franzi, eine Leserin, die auch fotografiert (ihr instagram-Account heißt Franzi_natured) schrieb über das Retuschieren: „In wenigen Minuten wird etwas hergestellt, was eigentlich in Wirklichkeit Jahre dauert – eine Beziehung auf Vertrauensbasis.“

Ich heirate mein Pferd

Dieser Anspruch nimmt im Freizeitreiterbereich immer mehr Raum ein. Das Retuschieren an sich ist jedoch nichts, was durch diese Art Bilder in den Pferdesport eingezogen wäre. Ich arbeite für Pferdesportmagazine, die einen sportlichen, reportagigen Fotostil bevorzugen. Da wird dann vielleicht mal etwas Dreck vom Stiefel wegretuschiert – aber ansonsten bleiben die Fotos inhaltlich reell. Ganz anders läuft das bei manchen Fotografen und Pferdebesitzern, wenn es um Bilder für Hengstprospekte geht. Daher sieht man Gebäudemängel auch häufig erst, wenn man das Pferd in echt vor sich hat. Bilder können lügen.

Die Suche nach Zweisamkeit und Innigkeit 

Wie sehr dieser Anspruch an Innigkeit und Zweisamkeit in das Freizeitreiter-Leben Einzug gehalten hat, auch durch bestimmte Fotomotive, darum geht’s im zweiten Teil dieses Textes, den ihr auf meinem Blog nachlesen könnt. Plus:  Noch mehr Bildbeispiele, Fotos, die wir nachgestellt haben zum Thema Stallgasse kehren in Reitmode, Fitness für Reiter und Bildern, die suggerieren: „Ich heirate mein Pferd“.

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