Wie Philippe Karl mit High Noon das Stillstehen übt

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Es war großartig geplant: High Noons erster öffentlicher Auftritt auf der Hanse Pferd 2014. Gemeinsam mit seinen Reitlehrern hatte Philippe Karl ein anspruchsvolles Programm vorbereitet. Nach jeder Sequenz sollten alle Reiter anhalten, für mehrere Sekunden. „Das Peinliche war nur: Alle Pferde blieben stehen, außer das Pferd meines Mannes!“ erzählt Bea Borelle. 

Es gibt einen guten Grund, warum sie jetzt darüber spricht: Ende der Woche wird ihr Mann den Hannoveraner erstmals seitdem wieder auf einer großen Bühne zeigen. Auf der Pferdemesse Fieracavalli in Verona, die ähnliche Dimensionen wie die Equitana hat. 

Außerdem ist es ihr wichtig, zu zeigen: Wenn da ein Problem ist, dann muss ein Pferdemensch daran arbeiten. Und nicht einfach die Anforderungen herunterschrauben. Wie das zum Beispiel  Anfang dieses Jahres in den Niederlanden geschehen ist. Dort wurde die Grußaufstellung für bestimmte Leistungsklassen abgeschafft. 

Essentiell wichtig ist das Halten, weil es sowohl zeigt, dass ein Pferd mental losgelassen ist, es an den Hilfen steht als auch, dass es sein Gewicht gleichmäßig auf allen vier Beinen verteilt. In Bea Borelles Worten: „Im Anhalten kann das Pferd sich entspannen, es kann über das zuvor Geübte nachdenken und der Reiter kann sich vergewissern, dass er das Pferd durch die zuvor gerittenen Übungen und Lektionen nicht aufgeregt hat.“ 

Der heute elfjährige High Noon war auch schon für die Hansepferd gut vorbereitet, erzählt Bea Borelle. „Im Training beendet mein Mann jede Sequenz mit einer Pause, diese wird eingeleitet durch eine Abkauübung, dann soll sich das Pferd dehnen, und dann werden die Zügel für ungefähr dreißig Sekunden auf den Hals gelegt“, erzählt sie. Vor allem hätten auch Schüler aus dem Horsemanship-Bereich ihren Mann in diese Richtung hin inspiriert. „Beendet wird die Pause wiederum mit einer Abkauübung“. 

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Gelassen warten: Eine Aufgabe, die auch in heiklen Situationen funktionieren soll.

Kleiner Exkurs: Auf die Mobilität des Unterkiefers wird in der Schule der Légèreté sehr geachtet. Deshalb gehören Abkauübungen zur Basis, sie sind essentielles Werkzeug der Schule. „Selbst bei einem komplett ausgebildeten Pferd wie High Noon, der zum Beispiel wunderbare Einerwechsel geht, fragt mein Mann die Abkauübungen vom Boden aus vor dem Reiten ab“, erzählt sie. „Mich hat das anfangs verblüfft, aber er sagt: Da kann man immer noch etwas dran verbessern!“

Das Ehepaar Karl-Borelle lebt recht abgeschieden im Süden Frankreichs. Öffentliche Auftritte sind daher recht rar. Doch wenn im Training alles gut klappte, High Noon auch vorher mal fremde Anlagen gesehen hatte, was war auf der Hanse Pferd anders, als sonst? „Die einzige Erklärung dafür war für meinen Mann, dass High Noon die Atmosphäre, die Menschen, der Applaus, an seine Auktion erinnert hat“, erzählt die Ausbilderin. „High Noon ging ja als junges Pferd über die Auktion. Es kann sein, dass er diese Situation mit Stress verbunden hat.“ Am Tag vor dem Auftritt der Hanse Pferd, bei der Generalprobe, war auch noch alles in Ordnung. Die große Halle, die Lichter – das beeindruckte da den Wallach nicht. Erst, als das Publikum dabei war, „hatte mein Mann das Gefühl, ein anderes Pferd zu reiten.“ Das änderte sich auch nur ein klein wenig in den weiteren Messetagen.

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Schaut etwas skeptisch, der schöne Rappe. Beruhigung kommt von oben.

Nun, vor Verona, nahm Philippe Karl seinen schönen Rappen zu weit mehr fremden Anlagen im Vorfeld mit. High Noon begleitete ihn auch auf seinen Kursen in der Schweiz, so dass er Publikum kennen lernen konnte und auch mal kräftigen Applaus hörte. „Das hat gut funktioniert in der Schweiz, wir sind bester Hoffnung, dass es nun in Verona auch mit dem Halten gelingt“, sagt Bea Borelle. Nur dass die Zuschauer dort auf Rängen sitzen, und nicht auf Hallenniveau, das ist anders als in den Schweizer Kursen.

Auf jedes Detail wurde jetzt bei der Vorbereitung noch mal genau geachtet: High Noon hat einen Stallkumpel dabei, so dass er „vergnüglich reist!“, sagt Bea Borelle. Den Blick auf alle Einflüsse zu richten, die auf ein Pferd einströmen, das Gesamtpaket anzusehen, kann oft der Schlüssel zu Problemlösungen sein.

Interessant übrigens: Damit High Noon mal andere Reitanlagen sieht, hat Philippe Karl ihn auch mal mit zu Springreiter Michel Robert genommen. Das war allerdings schon vor der Hanse Pferd. Der legendäre Springreiter hat damals sogar im Sattel von High Noon Platz genommen, erzählt Bea Borelle. „Michel Robert und mein Mann haben sich sofort fantastisch verstanden“ , erzählt Bea Borelle. Nur Publikum, das hat auch ein Michel Robert nicht zum Üben parat stehen.