Wie man die feinsten Ponys züchtet

Fohlen-geköhrte-Halbbrüder

Heute Nacht werde ich von etlichen Ponys träumen, und es werden alles Palominos und Füchse sein.

Weil: wir, meine kleine Tochter und ich, haben heute Christina besucht, Christina Wessling, die Reitponys züchtet. Rheinische Reitponys, die mit dem vielen Gang drunter, und das macht sie ganz schön erfolgreich. Wer es innerhalb von zehn Jahren schafft, gekörte Hengste und Staatsprämienstuten zu liefern, dazu alle gerittenen Nachkommen der Stammstute bis zum Bundeschampionat zu bringen, hat vieles richtig gemacht.

Was gibt es in der Pferdewelt Schöneres, als frisch geborene Fohlen? Ich finde: gar nichts! Außerdem bin ich ja ein Zucht-Junkie. Je mehr ich mich mit der Pferdezucht beschäftige, desto interessanter finde ich sie. Also: Auf zur Frühlingstour und Fohlen anschauen gehen. 

Zu Christina bin ich gefahren, weil ich wissen wollte: wie macht man das? Mal so eben eine bedeutende Zuchtstätte aus dem Boden zu stampfen? ‚So eben’ trifft es dabei ziemlich genau, denn neben den Pferden, von denen sie ihre Hengste bis zur S-Dressurreife ausbildet und auch noch selbst auf Turnieren vorstellt, führt sie eine Kleintierpraxis und hat vier Kinder.

Bei Siegen in Westfalen. Es ist hügelig, grau-weiße Häuser stehen an kurvigen Straßen. Mitten im Dorf eine Tierarztpraxis, daran der Stall und eine nagelneue Reithalle aus hellem Holz. Telefonierend läuft jemand auf und ab, Pferdeschwanz, Reithose, drahtige Figur: Christina Wessling. Sie winkt, und wir starten einen Pferdeguck-Marathon. An den Hengstboxen geht’s vorbei, da steht schon die erste Mutterstute. Ab in die Halle mit ihr, ein wenig, es hat viel geregnet in den letzten Tagen, daher sind alle noch innen. Die Stute saust mit ihrem Hengstfohlen durch die Halle.

  1. Regel: An der Stammstute nicht sparen
    Sie ist eine Tochter von Carlotta. Und sieht aus wie ein Abziehbild dieser. Mit Carlotta, Palomino, viel Bewegung, mütterlicher Ausdruck, reichlich Brusttiefe, guter Halsansatz und feines Wesen, fing alles an. Vor zwölf Jahren war Christina Wessling schwanger mit dem ersten Sohn, ritt eigentlich ländliche Springturniere und wollte sich ein Reitponykaufen, einfach zur eigenen Freude. Ohne einen Plan von Reitpony-Abstammungen zu haben, fuhr sie mit ihrem Mann zur etablierten Zuchtstätte Wilbers und suchte sich dort einen Fuchs aus, Danny Cool. Heute ist sie mit dem gekörten Hengst im S-Dressursport angekommen. Doch damals, Danny Cool war zweijährig, hieß es daheim: „Ein Pony? Und dann noch nicht mal eine Stute, mit der man züchten kann?“ Christina Wessling zog einfach noch mal los. Sie ließ sich eine Jungstute nach der anderen zeigen, doch bei jeder Stute, die bei Wilbers durch die Halle trabte, sagte sie: Nein, die ist es nicht. Das letzte Ass im Ärmel war dann Carlotta. Die Stute von Champion De Luxe mal Top Nonstop wollten Wilbers eigentlich gar nicht abgeben. 9000 Euro blätterte Christina Wessling für eine struppige Zweijährige hin, die sich exzellent bewegen konnte. „Na da war etwas los, als ich mit ihr nach Hause kam!“ erzählt sie, und lacht. Viel Geld für ein junges Pony – doch bei Wilbers sagte man ihr schon damals: „Das wirst Du zurück bekommen.“ Doppelt und dreifach sogar: Carlottas erster Sohn war gleich ein Volltreffer, Don Dolino ist gekört und mittlerweile M-platziert. Es folgte ein weiterer Prämienhengst, Donadoni. Carlotta wurde die Stammstute ihrer Zucht, und lieferte ein Spitzenpony nach dem nächsten.

  2. Regel: Alte Zöpfe abschneiden
    Die größten Stärken ihrer Stammstute: „Ihre Fohlen stehen alle ganz korrekt, sie vererbt viel Bewegung und Typ“. Mehrfach paarte sie FS Don’t worry an „der ist sowieso der beste, von Charakter und Bewegung her“, er ist aber auch dafür bekannt, wenig Ganaschenfreiheit mitzugeben, aber „auch mit ihm vererbt Carlotta stets Eleganz und feine Köpfe.“ Ihr Springpferd, das sie damals noch hatte, verkaufte sie, und konzentrierte sich ganz auf die Ponys. „Der größte Fehler den die meisten Leute machen, ist es, irgendeine Stute zu nehmen, da einen super Hengst drauf zu packen und dann zu erwarten, dass etwas großartiges dabei heraus kommt.“ Sie sattelte komplett um und ritt nur noch Dressur. Mittlerweile bis S, mit drei Ponys. Motto: Wenn, dann richtig. 

  3. Regel: Bewährtes wiederholen
    „Ach, Reitponyzucht ist viel einfacher, als Warmblüter zu züchten“, sagt sie, als wir den Stutenstall betreten, in dem Carlotta und zwei Stuten weitere Stuten von Champion de Luxe und Don’t Worry stehen. Man nehme eben eine Stute der erfolgreichsten Stämme des Rheinlandes, „und eigentlich kann man dann anpaaren, was man will, da kommt immer etwas Gutes raus.“ Zwei Stuten hat sie aus dem direkten Stamm der Ginette, das ist rheinisches Tafelsilber. Alle Stuten führen dieses Jahr ein Fohlen von Numero Uno, und sind auch wieder von diesem besamt. „Dieser Hengst wird eine neue Liga eröffnen“, sagt sie. Das, was Don’t Worry über Jahrzehnte war – der Hengstprospekt spricht vom Donnerhall der Reitponys – das könne Numero Uno fortführen.

  4. Regel: Zweite Chancen geben & dran glauben, auch wenn es sonst niemand tut
    Neben der Reithalle auf dem Paddock steht ein Hengst mit weißgelocktem Haar, die Spuren vom letzten Turnier sind das. Mr Sunshine sieht aus wie ein Barbiepony, unglaublich hübsch (mehr Bilder findet ihr hier). „Ist der nicht toll?“ sagt Christina Wessling, „auf ihn bin ich ganz besonders stolz, denn er hatte sich das Karpalgelenk gebrochen und ganz viele Menschen haben mir damals geraten, ihn in den Himmel zu schicken.“ Sie ist selbst Tierärztin, ihr Mann betreibt eine Tierarztpraxis für Pferde. Entgegen aller Ratschläge von Kollegen ließ sie das Pony nicht operieren. Weil: das wäre eine hop – oder-top Entscheidung geworden. Hätte der Einsatz einer Schraube geklappt, wären die Heilungschancen gut gewesen. Hätte die Schraube das Gelenk noch mehr zerspringen lassen, hätte er nicht mehr aus der Narkose aufwachen sollen. Zu riskant, entschied sie, holte das Pferd aus einer renommierten Klinik wieder nach Hause, gipste das Bein ein, und gab dem Pony einfach Zeit. Es funktionierte. Vor einer Woche ging Mr. Sunshine seine erste Prüfung, lahmfrei und erfolgreich.

  5. Regel: Starke Partner suchen
    Mr Sunshine hat sie genau wie dessen Boxennachbarn, den imposanten dreijährigen Nanouk, von Wilbers. Die Hengste sollen bei ihr im Sport gehen, das Deckgeschäft ist erst mal nicht angedacht. Die beiden kooperieren eng. Merke: Neuzüchter mit Biss passt zu altem Hasen. Mal bekommt der eine für gutes Geld etwas, mal der andere. Mal macht der eine ein Zugeständnis, mal der andere. Sie arbeitet mit ihrem festen Trainer Matthias Bouten, und ist offen für Neues - Christina ritt ihren Danny Cool auf unserem Alizée Froment-Kurs, sie half ihr, mehr Losgelassenheit zu erreichen und so quasi nebenbei die Serienwechsel zu verbessern.

  6. Regel: Bisschen verrückt sein
    Während wir von Stall zu Stall ziehen, spielen unsere Töchter im Heu und ziehen danach das Kinderpony der Familie aus der Box. Sie setzten sich ohne Sattel darauf, Christinas Tochter galoppiert los, alle haben Spaß. Leidenschaft und ein wenig verrückt sein gehört dazu: Sonntags packt sie alle Sportponies in den Anhänger, und fährt zu ihrem Trainer Matthias Bouten, und reitet dort einen nach dem anderen. Einen P.R.E. hat sie neuerdings noch daheim, weil der ihr Freude macht, „Der bewegt sich wie ein Sportpferd und ist ganz einfach zu reiten“. Der Hund ist gerade trächtig, und in der Tierarztpraxis sitzen drei streunende Katzen in der Quarantäne, die sie gerade kostenlos behandelt. Und noch ein Zuhause dafür sucht. Die Frau ist ein Tausendsassa, keine Frage. Mit Plan, Kinderfrau und Hilfe im Reitstall, und einer guten Mischung aus Macher-Eigenschaften, Mut und Spaß dabei. Abends, wenn der Mann vom letzten Kundentermin kommt, fährt der Eiswagen im Dorf herum, und die Kinder strömen im Schlafanzug an den Bürgersteig. Nur ein Pferd muss jetzt noch vom Paddock eingesammelt werden. Dann ist Ruhe – ein wenig.