Weshalb Reiten lebenslang Lernen ist

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Über zwei Reiter, die  Spürhunde, Gelehrte und Goldgräber sind. Und damit vormachen, was lebenslanges Lernen beim Reiten bedeuten kann. Denn das ist so wichtig. Im Sattel, in der Theorie, einfach überall. 

Zwei Pferdemenschen, an denen ich ihren besonderen Wissensdurst schätze, sind Jan Nivelle und Tom MacGuinness. Der eine ist ein Dressurausbilder bis zum Grand Prix Niveau. Der andere stellt Pferdedecken her und reitet in allen möglichen Disziplinen. 

Schnüffler, Spürhund und Gelehrter


Jan Nivelle war viele Jahre lang Nationaltrainer für die spanische Dressurmannschaft. Jemand, der oben im Sport zu Hause ist, aber sich nie zu schade war, zu testen. Ich habe mit ihm mehrfach für Magazine und Zeitungen gearbeitet, und bei der Recherche mit Menschen gesprochen, die für ihn gearbeitet haben. Wenn er sich in eine neue Sparte vertieft, nehmen wir zum Beispiel Horsemanshiparbeit oder die Schiefentherapie, dann geht er der Sache auf den Grund.

Für einen Artikel habe ich mal mit ehemaligen Angestellten von ihm gesprochen, und alle sagten: das war schon anders da, als sonst üblich. Da stand seine Bereiterin zum Bespiel kopfschüttelnd an der Bande, und fragte sich, was ihr Chef da tat. Später sah sie beeindruckt zu, wie das vormals ungestüme Jungpferd ihn mit gesenktem Kopf überall hin folgte, auch in den Anhänger. 

Jan Nivelle hat alle möglichen alten Meister gelesen, Fillis und Baucher genauso wie Steinbrecht und etliche andere, er ist ein Lexikon der Reitweisen und Meister. Ich frage ihn gern um Rat, auch, wenn ich etwas nicht kapiere. 

Politisch inkorrekt


Beispiel: Die Akademische Reitweise. Sie boomt, ich kenne viele Menschen, auch aus meiner nächsten Umgebung, die darin die Erfüllung sehen. Ich persönlich – wohlgemerkt nicht als Journalistin, sondern ich als Mensch Jeannette, der gern reitet ­­– stehe mit innerlichem Fragezeichen vor dieser Faszination, und kann am ehesten mit dem Spruch „Akademische Reitweise meint: im Schritt über Galopp nachdenken“ etwas anfangen. Politisch inkorrekt? Vielleicht.

Die Journalistin in mir möchte diese Faszination jedoch verstehen. Und zwar nicht so vorurteilsbehaftet, wie meine erste Reaktion da oben beschreibt. Ich fragte Jan Nivelle also, was er darüber denkt. Und was sagt er, der ehemalige Nationaltrainer, der Mensch, der Leute im FEI-Dressursport coacht? Da kommt kein müdes Lächeln, keine Herablassung. Da kommt eine glasklare Einordnung, nämlich an welchen historischen Vorbildern sich diese Reitweise orientiert und daher eben von Sitz bis Lektionsaufbau eine andere Zielvorstellung hat. 

Nicht wertend. Einfach einordnend. 

Das meine ich mit lebenslang lernen wollen. Einerseits meint es natürlich die Bereitschaft, täglich an sich und seinem Pferd arbeiten. Aber es meint auch, immer weiter willens sein, über den Tellerrand zu schauen. 

Goldgräberstimmung: abonniert.

Der zweite Mensch, der das ständig tut, ist Tom MacGuinness. Kopf einer irischen Pferdedecken-Firma. Ich war für die Reiter Revue bei ihm in Irland, ich darf noch nicht allzu viel darüber verraten, es ist erst im März-Heft zu lesen. Doch soviel kann ich sagen: Es fasziniert mich, wie dieser Mann einen Reitsport nach dem anderen ausübt. Erst Springen, dann Polo, jetzt Distanzreiten. Wohlgemerkt: das macht er nebenbei. Hauptsächlich kümmert er sich um sein Geschäft mit den Pferdedecken und Reitmoden. Aber er taucht in jede Disziplin so tief ein, dass er konkurrenzfähig ist. Er probiert aus, wie weit er kommt, fragt die besten Köpfe der jeweiligen Sportarten, sucht nach den besten Pferden. Er gräbt die Erde um, er sucht nach der Substanz und macht dann das Beste daraus. Was für ein Ehrgeiz, was für ein Eifer. Mit mehr als 60 Jahren, übrigens (Ein Bild von ihm und seinen Poloponys findet ihr auf dem Blog).

Ich muss die dennoch nicht restlos toll finden.

Übrigens meint meine Wertschätzung für das Lernen wollen nicht, dass ich mit den Menschen immer einer Meinung bin. Ich muss zum Beispiel weder den Reitstil von Tom MacGuinness super finden, noch jeden Schüler von Jan Nivelle für großartig halten. Und dennoch schätze ich diese beiden für ihren Wissensdurst, die Emsigkeit und das Wertfreie. 

Das ewige Lernen wollen, aus dem so viel Spannendes entspringt. 

Es gibt sicherlich auch andere, weniger bekannte Menschen, die genauso unersättlich wissensdurstig durch die Pferdewelt laufen. Diese beiden habe ich ausgesucht, weil sie sehr erfolgreich sind UND weiter lernen wollen, weiter neugierig bleiben. Die Alternative wäre: Hochmut. Sich zurückzulehnen und den eigenen Weg als den einzig wahren zu verkaufen. 

Doch das ist bei den beiden nicht zu spüren. 

Sondern nur ganz viel Wissen wollen. 

P.S.: Während ich diesen Text hier schrieb und zwischendurch auf facebook landete, sah ich einen Post von Claudia Butry. Sie ist Eckart-Meyners-Ausbilderin und gehört zu den Reitlehrern, die von Anja Beran empfohlen werden (und sie kommt zu uns, um zu unterrichten, im März). Sie postet ein Zitat, mit dem Kommentar ‚so ist es auch beim Reiten’. Und das passt zu diesem Text hier sooo gut, dass ich es noch anhängen möchte. Also: 

Willst du wissen, was der Unterschied zwischen einem Anfänger und einem wahren Meister ist?

Der Meister ist mehr Male gescheitert, als der Anfänger es überhaupt jemals versucht hat.