Hör auf, der Spielverderber zu sein: Wann reite ich ohne Zaumzeug?

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Wann Reiten ohne Zaumzeug gefährlich ist und wann es einfach nur toll ist!

Plus: Weshalb Trainer aufhören sollten, ihre Schüler abhängig zu halten und sie stattdessen zu urteilsfähigen Reitern ausbilden sollten. Über den schmalen Grad zwischen Leichtsinn, Begeisterung und Vernunft wenn es um’s Pferd geht.

Letztens habe ich ein Foto in einer Instagram-Story gepostet, das eine junge Ausbilderin auf dem Turnier zeigte. Sie hatte eine 7,8 in einer Prüfung bekommen. Danach hatte sie das Zaumzeug abgenommen und ritt zwischen den Anhängern umher. Das Pferd hatte also den Kopf nackt, sie nutzte die Zügel als Halsring. Dabei filmte sie mit dem Mobiltelefon.

Ich schrieb dazu:

„Sie ist die Coolste! Fette Wertnote einheimsen, vom Pferd aus das Zaumzeug abnehmen, zwischen den Anhängern herumreiten UND währenddessen eine Story drehen!“

Daraufhin antwortete mir jemand:

„Cool ist das so lange, bis etwas passiert und die Versicherung nicht zahlt.“

Tja. In dem Moment gab es zwei Stimmen in mir: Eine, die laut rief:

„Scheiß Deutschland!“ Kann man nicht einmal ohne Kritik eine besondere Leistung genießen, ohne der #killjoy zu sein?

Die andere rief, ebenso laut:

„Das stimmt, und stell’ Dir mal vor, jetzt machen das junge Mädchen nach und es passiert denen was!“

Reiten wie Ingrid, Uta und Jessica

Natürlich habe ich das Beispiel der jungen Ausbilderin nicht gepostet, um andere zu animieren, das Gleiche zu tun. Diese junge Frau ist nicht irgendjemand, nicht eine von vielen talentierten Reiterinnen. Sie hat inzwischen besondere Fähigkeiten – und das zu erkennen, habe ich voraus gesetzt. Vielleicht müsste man es jedes Mal dazu sagen, ja.

Faszination und Vernunft. Genau um diese beiden Pole geht es ständig bei uns Reiterleuten. Ständig muss jeder für sich selbst einschätzen, was im Alltag okay ist und was nicht. In manchen Fällen ist die Antwort glasklar. Probe gefällig?

  1. Kann ich Geländesprünge wie eine Ingrid Klimke anreiten, weil ich das irgendwo gesehen habe? ("Natürlich nicht!" gilt vermutlich für die meisten von uns.)
  2. Kann ich einen jungen Hengst erziehen, so wie das Stefan Schneider häufig für seine Frau Uta Gräf macht? ("Eher nicht!" gilt vermutlich für die meisten von uns.)
  3. Kann ich mein Pferd so schön piaffieren und passagieren wie Jessica von Bredow-Werndl das im Moment auf Dalera BB zeigt? (Tja....)

Bei diesen Aufgaben ist vielen sofort klar, was möglich ist und was nicht. Beim Umgang mit dem ganz normalen Pferd gilt das aber genauso! Wer denkt, er könne einfach ohne Zaumzeug draußen herum reiten, unterschätzt, welche Arbeit dahinter steckt. Die Pferde der jungen Frau, über die ich den Beitrag postete, sind zum Beispiel absolut am Sitz und haben zudem einen „Stopp!“ antrainiert, per Horsemanship, mit dem sie sie in jeder Lage zum Stehen bringt.

Wenn man diese Unterscheidung (Was gilt für den Experten, was gilt für mich?) machen kann, dann kann man auch jenseits der eigenen Erfahrungswelt etwas als besondere Leistung stehen lassen. Und denkt nicht gleich, dass man das nachmachen sollte.

So viele Stunden Arbeit stecken hinter Wundern

Wie viele Stunden, Tage, Monate, Jahre an Arbeit und Emsigkeit dahinter stecken, bis man sowas gefahrlos machen kann, wie diese Ausbilderin mit dem Halsring auf dem Turniergelände, vergessen viele. So viel Kontrolle und so viel Vertrauen brauchen Zeit und Können.

Allerdings wird bei uns in Deutschland der Sicherheitsgedanke auch gern dazu genutzt, zu entmutigen. Schüler werden tendenziell eher dazu ermutigt, lange, lange, lange unter der Fittiche von Reitlehrer XYZ zu bleiben, bevor sie an ihre eigenen Fähigkeiten glauben und bevor sie neue, eigene Wege oder einen neuen Mentor suchen. Das ist einerseits gut. Denn es hilft, eine grundsolide Basis zu entwickeln. Ein Koordinatensystem, an dem man neue Einflüsse messen und einordnen kann.

Auch Ausbilder vergessen etwas

Aber: Es hat nicht nur Vorteile. Das erzieht auch dazu, keine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Manch ein Reiter traut sich gar nicht, das eigene Pferd ohne Trainer zu arbeiten. Die Lösung lautet: Ausbilder sollten ihre Aufgabe mehr denn je darin sehen, ihren Schülern Urteilsfähigkeit beizubringen. Das schützt nämlich auch vor Selbstüberschätzung. Genau diese führt nämlich zu riskanten Aktionen.

Warum man Großes auch feiern darf

Bei aller Vernunft im Alltäglichen – und die ist notwendig, absolut! – ich möchte es mir nicht nehmen lassen, ungewöhnliche Leistungen fantastisch zu finden. Es ist wahnsinnig toll, dass wir so einige Menschen in der Reiterwelt haben, die Sachen mit Pferden fabrizieren, die uns ins Staunen versetzen können.

Das darf man feiern!

Wann Leichtsinn okay ist

Leichtsinnig darf man übrigens meiner Meinung nach im Alltag nur aus zwei Gründen werden: Erstens, weil auch etwas, das generell risikobehaftet ist, aufgrund von Erfahrung und Training kein Risiko mehr darstellt. Zweitens, weil man sich als erwachsener, erfahrener Mensch bewusst für’s Risiko entscheidet. Damit meine ich so Sachen wie: Mit Turnschuhen statt Sicherheitsschuhen ein Pferd führen. Da darf man sich natürlich hinterher nicht beschweren, wenn ein Zeh dick ist. Bewusste Entscheidung, eigenes Risiko.

Und wie seht Ihr das?

Ich freue mich über Eure Meinungen dazu! Wenn ihr direkt mit mir diskutieren möchtet, dann geht das auf dem Blog oder auf meiner facebook-Seite zum Blog.

P.S.: In diesem Artikel habe ich schon mal darüber gesprochen, wie wahnsinnig mich manche Leichtsinnigkeiten machen, nur weil einjeder denkt, auch er könne jetzt mal auf Halfter oder sogar komplett ohne Zaumzeug draußen herum reiten.

Rein versicherungstechnisch kommt es übrigens darauf an – es gibt die verschiedensten Varianten von dem, was in einer Haftpflichtversicherung für Pferde eingeschlossen ist. Ob gebissloses oder gar Reiten ohne Zaumzeug eingeschlossen ist oder nicht, sollte jeder mal bei seiner Versicherung im Vertrag nachsehen.

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Einmal die Woche gibt's hier im pferdia-Magazin einen Artikel aus dem Blog www.alifewithhorses.de. Hier spreche ich, Jeannette, über Motivation & Gedanken zu den Pferden, zum Reiten und zum Drumherum.