Was machen die Reiter der Légèreté anders?

High-Noon-Longe

Ein Dressurkonzept, das sich der Leichtigkeit verschrieben hat: Was machen Philippe Karl und seine Schüler anders? Ein Kursbesuch zeigt Unterschiede und Ähnlichkeiten zur konventionellen Reitmethode auf. 

Die Braune zieht beim Viereck Vergrößern deftig in die Hand. „Nein, tu Dir das nicht an!“ sagt die Kursleiterin. Sie geht in die Hallenmitte. Lässt das Paar anhalten. „Erkläre ihr die Beizäumung noch mal im Stand“, sagt sie zur Reiterin. Diese senkt daraufhin die äußere Hand ab, stellt die innere Hand höher. Das Pferd reagiert, es kippt die Nase bis zur Senkrechten ab. Es kennt dieses Zeichen. „Genau!“, sagt die Leiterin, „Entflechten von Aktion und Bewegung!“ 

Galopp-Pirouetten für die einen, Außengalopp für die anderen 

Eine Szene aus einem Kurs der Schule der Légèreté. Bea Borelle, lizenzierte Ausbilderin des Systems, unterrichtet in Mülheim an der Ruhr in Deutschland. An einem Tag wird man hier eine ganz gewöhnliche Ponystute sehen, die jedoch ungewöhnlich gut geht. Sie zeigt schöne Traversalen, Renvers ist für sie eine Selbstverständlichkeit, sie übt den Außengalopp. Ein Schulpferd lernt heute, im Hals flexibler und dehnungsbereiter zu werden. Ebenso ist das Privatpferd einer Reitlehrerin der Methode heute Kursgast. Es wird von Bea Borelle an die Galopppirouette herangeführt. In einem Kurs findet sich also ein breites Spektrum von dem, was Dressurreiterei meinen kann.

Bea-Borelle
High-Noon-unter-Philippe-Karl

Was ist das eigentlich genau, diese Schule der Légèreté? Meist fallen den Menschen zwei Dinge ein: Ein Mann namens Philippe Karl und sie sagen: „Das sind die, die mit hohen Händen reiten!“ 

Nicht ganz falsch, aber lückenhaft. „Schule der Légèreté“ steht für eine Ausbildungsweise. Die Idee ist: Eine Schule der Leichtigkeit, die Pferd und Reiter zu höchsten Dressurlektionen führen kann, aber auch im Basisbereich funktioniert. Begründer ist Philippe Karl, übrigens Ehemann von Bea Borelle. Begründet auf dem Wissen der alten Meister. Der Reiter soll mit feinsten Hilfen reiten. Das Pferd soll in Leichtigkeit zu Bein und Hand reagieren. Das lässt doch aufhorchen! Wollen nicht alle Reiter fein reiten? 

Kleine Lernschritte erhalten die Motivation

Den Unterschied sieht man vor allem in der Kooperation zwischen Reiter und Pferd. Die Methodik fürs Pferd ist in ganz kleine Lernschritte aufgebaut, die aufeinander aufbauen aber auch ebenso wieder zu entflechten sind, wenn etwas nicht klappt. Das führt zu hoher Motivation des Pferdes. Bettina Siemer, lizenzierte Ausbilderin der Methode aus Wien, erklärt das Resultat daraus so: „Das Ergebnis sind zufriedene, leistungsbereite Pferde, die im Laufe der Ausbildung an Schönheit und Ausdruck gewinnen und nicht verlieren, wie es leider in anderen Reitweisen oft der Fall ist.“

Wer die Pferde des Kurstages bei Bea Borelle beobachtet, sieht viele kauende Mäuler. Keine  hämmernden oder quetschenden Reiterschenkel. Wohl sieht man Ohrenspiel, Anzeichen für Kooperation. Und auch mal ein unschönes Herausheben oder Auseinanderfallen. Denn: Nichts ist künstlich geschönt. Wo keine Losgelassenheit da ist, wird sie nicht überspielt, sondern es geht einen Schritt zurück. Die Grundlagen müssen stimmen. Das sieht vielleicht zwischendurch nicht ideal aus, aber es ist ehrlich und damit letztlich reel und wird im Laufe der Ausbildung konstant.

Vor allem der andere Weg zu höchsten Lektionen kennzeichnet diese Ausbildungsmethodik. Das Ziel ist letztlich ähnlich dem der konventionellen Methode. Schlagartig bekannt wurde Philippe Karl, Jahrgang 1947, als er ein mutiges Buch veröffentlichte: „Irrwege der modernen Dressur“. Das Buch prangerte das Einrollen an und den täglichen Wahnsinn auf konventionellen Turnieren  und in Ausbildungsställen. Dazu erklärte Philippe Karl haarklein, wo das konventionelle Ausbildungssystem seine Schwachstellen und Ungereimtheiten habe. Er stellte sogar die Kronjuwelen der konventionellen Reitweise in Frage, die „Skala der Ausbildung“. 

Das erzürnte die Gemüter. Das rüttelte auf. Es hielt aber einige auch davon ab, mal genauer hinzuhören, was die Schule der Légèreté lehrt. Zu entdecken gibt es nämlich keine Trickkiste, sondern ein höchst durchdachtes System. 

Jedoch ist das System nicht ausschließlich Freizeitreitern vorbehalten! Die in Österreich lizenzierte Ausbilderin Anke Ziegast etwa ritt vor ihrer Ausbildung in Deutschland im Jugendkader der Dressur bis zur Turnierteilnahme bei Prüfungen der Klasse St. Georg. Die Lektionen saßen, aber der Weg stimmte für sie nicht: „ Die Erfahrungen in der Dressurszene führten mich und meine Pferde regelmäßig mental und psychisch in eine Sackgasse“, erzählt sie. Erst durch Philippe Karl habe sie eine Alternative gefunden, qualitativ hochwertige Dressur zu erarbeiten. 

Der Ursprung liegt in der Cadre Noir

Philippe Karl ritt mehr als ein Jahrzehnt in der Cadre Noir in Saumur, dem französischen Equivalent zur Wiener Hofreitschule. Danach macht er sich selbstständig. Seine Schule der Légèreté ist nun in vielen Ländern vertreten. Der Meister selbst unterrichtet nur noch Schüler, die in der Ausbildung zum Reitlehrer bei ihm sind. In einigen Ländern, dazu gehört auch Österreich, haben diese Ausbildungslehrgänge seine lizenzierten Trainer übernommen. Bea Borelle ist in Deutschland, Schweden und der Schweiz unterwegs, Sabine Mosen in Österreich und Tschechien. 

Christiane-Horstmann-Legerete

Komplett ohne Hilfszügel 

Generell werden in der Schule der Légèreté keine Hilfszügel verwendet: kein Schlaufzügel, kein Martingal, kein Ausbinder, auch nicht an der Longe. Das Pferdemaul ist der Reiterhand vorbehalten und soll so fein wie nur möglich sein. Sperrriemen werden nicht verwendet. Viele in der Methode der Légèreté gerittenen Pferd tragen Knebeltrensen, also Trensen mit seitlicher Begrenzung. 

Die Handpositionen des Reiters sind vielfältig: mal üblich nebeneinander aufgestellt, aber auch mal diagonal verschoben, mal hoch, mal Handgelenke so gedreht, dass die Handflächen gen Decke zeigen. Der Grund, warum die Hand nach oben darf: Weil der Zügel dann in der Maulspalte wirkt und nicht auf der viel empfindlicheren Pferdelade. 

Die Methodik greift auf Reitlehren von Meistern wie Xenophon, Baucher, La Guérinière oder Pluvinel zurück.  Philippe Karl hat dies für sich interpretiert und Erkenntnisse von Anatomie und Psychologie ergänzt. 

Seitengänge werden früh geritten 

Was unterscheidet die Methoden weiter? „Die Seitengänge, das Verschieben von Schulter und Kruppe, werden in der Schule der Légèreté viel früher eingeführt“, sagt Bea Borelle, „da sagen die Konventionellen doch: das ist zu schwer, das machen wir erst ab M“. Dagegen kämen Trabverstärkungen bei den konventionellen Dressurreitern früher in der Ausbildung vor.

Was konventionelles Reiten und die Légèreté gemeinsam haben 

Gleich seien hingegen einige Übungsaufbauten: Wie Schulterherein erarbeitet wird, oder das Trabverstärkungen durch Tempiunterschiede zu verbessern sind, oder dass sich die Rittigkeit durch das Reiten vieler Übergänge verbessert. Ebenso ist die Hilfengebung teils gleich, etwa das Zurückkommen des Pferdes auf die Hilfe des zurückgenommenen Schenkels.

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Frankreich-Bea-Borelle

Ganz essentiell für Philippe Karls Schule sind die so genannten Abkauübungen. 

Dabei wird das Pferd zunächst an der Hand, später auch aus dem Sattel, in der Beziehung zwischen Maul und Gebiss geschult. Es lernt Zeichen kennen, die es kauen lassen, Zeichen, die es in die Dehnung schicken, die sein Genick öffnen, die es an den Zügel stellen. Das Repertoire an deutbaren Hilfen wird so für das Pferd erweitert. 

So, wie man fürs Angaloppieren eine Schenkelhilfe hat, so hat man hier Zeichen, um dem Pferd zu sagen: „Dehn dich!“ Hierbei wird beispielsweise ein Druck beidseitig, gleichmäßig in die Maulspalte gegeben. Die Pferde lernen,  zu differenzieren. Das Zügelzeichen für „Nimm den Kopf höher, öffne Dein Genick!“, wodurch die Nasenlinie an oder vor die Senkrechte geholt wird, ist etwa eine schnelle Folge von zarten Impulsen in die Maulspalte. Auch das Kauen kann so gezielt abgefragt werden. 

Diese Zügelzeichen, genannt Abkauübungen, erarbeiten Leichtigkeit zur Hand, Flexibilität des Halses, Dehnung und Beizäumung.

Damit wird auch die eingangs geschilderte Szene klar: Die Kursleiterin Bea Borelle unterbrach eine Übung, um das Pferd im Stand daran zu erinnern, was es tun sollte. Gezielt kann dem Pferd gesagt werden: „So bitte, jetzt bitte!“ Ein Merkspruch Philippe Karls lautet passender Weise: „Viel gelernt bei niedrigem Kilometerstand“. Hätte das Pferd auch hier nicht verstanden, wäre die Reiterin abgestiegen und hätte dem Pferd vom Boden aus das verlangte Zügelzeichen nochmals gezeigt. Dieses Zurückstufen und es dem Pferd erkenntlich machen ist typisch für die Methodik. 

Zentrale Frage: Warum machen wir das?

„Warum machen wir das so?“ ist übrigens auch tatsächlich eine der häufigsten Fragen auf Kursen der Schule. Allerdings stellt beim Kurs von Bea Borelle diese Frage oft die Lehrgangsleiterin selbst. Weil jeder Schüler beantworten können soll, warum er wie agiert. Ein Beispiel: Die Dehnungshaltung. Typische Lehrgangsfrage: „Auf wie viele Gründe kommen Sie, warum es sinnvoll ist, ein Pferd in Dehnungshaltung zu reiten?“ Im Skript zur Reitlehrerausbildung von Bea Borelle stehen ganze zwölf Antworten dazu aufgezählt. Zum Beispiel: Abrufbarkeit, um in schwierigen Lektionen die Hinterhand nicht zu blockieren, um Raumgriff zu erarbeiten, für Takt und Anlehnung, damit das Pferd in den Zügelkontakt strebt.