Reitkunst plus Springen – ein Kurs mit Claudia Butry

Ausbilderin Claudia Butry steht eigentlich für klassische Reitkunst und die Bewegungslehre nach Eckart Meyners. Jetzt war sie drei Tage lang bei uns in der Nähe von Aachen, um einen Kurs zu geben. Der hatte es in sich: Erster Tag Reitergymnastik, zweiter Tag Dressurtraining und Sitzschulung, dritter Tag Reitergymnastik und Springen. Claudia Butry hat mich auch dieses Mal vom Hocker gehauen. Dass sie eine sehr gute Bewegungstrainerin nach Eckart Meyners ist, weiß ich. Dass sie die klassische Ausbildung hervorragend zu unterrichten vermag, weiß ich (und ihre Mentorin Anja Beran schätzt das auch, denn sie zählt sie zum Kreis der Ausbilder, die sie öffentlich auf ihrer Homepage empfiehlt). Dass Claudia Butry als Trainer A FN ebenso weiß, wie sportliche Reitpferde gearbeitet werden, ist mir auch klar gewesen. Zum ersten Mal haben wir jedoch diesmal eine Springeinheit eingebaut, also etwas ganz anderes!  Siehe da: Auch das kann sie so grandios kreativ und passend für jeden Reiteranspruch! Unfassbar.

Stangen und Hufschlagfiguren

Da wir Reiter recht unterschiedlich viel konnten im Springen, gab es Zweiergruppen: Die Robustponys, für die Stangen neu waren. Dann die vorsichtigen Reiter und zwei Mal Reiter mit viel oder mehr Springerfahrung. Ich gehörte zu den Vorsichtigen und bekam eine Stangenvielfalt auf den Boden gelegt. Übungen mit Stangen und Cavaletti, die mit Dressuraufgaben kombiniert wurden. Und ein kleines Kreuzchen, damit man dann doch sagen kann, das war Springen!

Trabstangen plus Volte

Tolle Übung aus meiner Einheit: Drei Trabstangen im Fächer so hinlegen, dass sie den Bogen einer einfachen Schlangenlinie bilden. Erste Aufgabe: Schlangenlinie im Trab reiten, dabei auf korrektes Umstellen und Biegen achten. Zweite Aufgabe – und jetzt wurde es kniffelig: Direkt nach den Stangen die Schlangenlinie nicht zu Ende reiten, sondern eine Volte zur Bande hin anlegen. Daraus wieder über die Stangen und dann erst die Schlangenlinie zu Ende reiten. Das ist kniffelig, weil die Volte recht klein ist und das ganz schön schnell aufeinander folgt. Probiert es mal aus!

Reitergymnastik nach Eckard Meyners

Wie Urlaub haben sich unsere Gymnastikeinheiten angefühlt. Wir haben auf der Pferdeweide bei strahlendem Sonnenschein morgens und abends geturnt, vom Wind rauschende Bäume über uns und auf den Nachbarweiden stand immer mal wieder ein Pferd unseres Stall staunend am Zaun. „Komisch, was machen die da?“ fragte sich das wohl. Einige der Übungen, die wir geturnt haben, sind hier als Vorlage zu finden, zum Beispiel diejenige, die sofort als Starbild hier in diesem Eckart-Meyners-Film zu sehen ist. Allerdings hatte Claudia noch ein paar Specials und Variationen dabei. Das Turnen war nicht nur schön, sondern auch vor allem morgens vor den Springeinheiten gut, so kamen wir alle schon gelockert aufs Pferd. 

Vom Groben zum Feinen

Etwas mental ganz wichtiges gab es in unseren Dressureinheiten zu lernen. Nämlich: Wir sehen häufig das Ergebnis guter Ausbildung, aber den Weg dahin nicht in allen Nuancen. Im Lernprozess sehen Dinge eben nicht direkt schön aus. Erst mal klappt die Grobform, bevor es schön wird und eine Aufgabe wirklich fein abrufbar ist. Ich habe einige Dressureinheiten genutzt, um Claudia Butry auf unsere Arbeit an der Hand schauen zu lassen. Mit Ailena, der Warmblutstute. Unser Übertreten an der Hand im Trab passt zu dem Beispiel.

Übertreten lassen im Trab

Ich habe das alleine oft abgebrochen und runtergestuft: Übertreten im Schritt kann sie gut, das gesittete Traben an der Hand fällt ihr noch schwer, also habe ich nur das geübt. Jetzt ist der Punkt gekommen, wo beides zu kombinieren ist. Diesen richtigen Zeitpunkt zu finden und zu hören: Das geht schon, mach’ ruhig (oder eben: Lass’ das noch sein, ist noch nicht dran!), dafür ist es so wichtig, jemanden um sich zu haben, der viele Pferde weiter auf der Lernleiter des Reiterlebens ist. Der von außen guckt, also viel objektiver als man das selbst ist.

Selbstkritik in der Pferdeausbildung

Das ist noch etwas, was mir in diesem Kurs total aufgefallen ist: Wie emotional wir mit unseren Pferden verbandelt sind und wie viele Gedanken sich jeder so um sein Pferd macht. Was Herzenswärme ausbilden, aber auch ein Gefühlschaos auslösen kann! Wie viele Zweifel da sind, ob man das mit dem eigenen Pferd so richtig macht und wie viel Ambition und Wille da ist. Wie viel Ehrgeiz, es gut und gesund fürs Pferd zu machen. Den anderen Typus Mensch, der sich wenige Gedanken macht und drauflos irgendwas probiert, der kommt nicht zu uns. Wir haben eigentlich nur Teilnehmer in den Kursen (die ich mit einer Freundin gemeinsam organisiere), die sich total um ihr Pferd bemühen. Die es von Herzen mögen und versuchen, alles richtig zu machen. Das ist sehr schön! Aber es hat auch eine Kehrseite (wie alles im Leben). Dass es dann schnell viel zu selbstkritisch wird und im verkopften Sorgen machen endet. Da war Claudia so motivierend!

Kurzkehrt und Angaloppieren

Weil sie es schafft, die Stärken der Reiter- und Pferdepaare zu sehen, zu fördern und auch auszusprechen. Weil sie die richtigen Übungen für die jeweilige Situation intuitiv herauszaubert und es so in jeder Einheit deutliche Fortschritte gab. Weil sie es schafft, zu erklären, warum dieses Mini-Schrittchen jetzt ein ganz wichtiger Baustein in der Ausbildung war. Und ihnen so die Relevanz gibt, die sie haben. Zum Beispiel: Dass ein Kurzkehrt, danach Angaloppieren, Durchparieren zum Schritt, wieder Kurzkehrt einer Ponystute richtig gut half, mehr Last auf der Hinterhand aufzunehmen. Die Übung machte dem Pony außerdem Spaß, sie war eifrig dabei.

Wischi-Waschi oder Präzision?

Was ist in der Pferdeausbildung wohl besser, stets auf präzise Ausführung bestehen? Oder aber der Harmonie Vorrang vor der Einhaltung der Linienführung zu geben? Die Antwort in der Ausbildung, nicht in der Prüfung, lautet: Kommt drauf an! Das war Thema bei uns und anderen Paaren des Kurses. Im Lernprozess ist jeder richtige Lösungsansatz zu loben und zu bestätigen, damit das Pferd versteht, worum es eigentlich geht. Egal, was die Linie sagt. Aber wenn das verstanden ist, dann ist Präzision wichtig. Ich bin von Natur aus eher der Wischi-Waschi-Typ. Meint: Im Zweifel lieber harmonische Übergänge, als welche am Punkt (klar, ideal wäre beides gemeinsam!). Immer unter der Widerstandsgrenze vom Pferd arbeiten, damit ich sicher sein kann, es bleibt mir immer positiv zugewandt.

Schulterherein und Renvers kombinieren

Jetzt kommt das Aber: Das reicht irgendwann nicht mehr! Bei uns war dies in der Arbeit an der Hand das Thema. Ich habe als Hausaufgabe bekommen, mir die Linienführung konkret vorzunehmen, also zum Beispiel: Ich gehe im Schritt auf den Zirkel, eine halbe Runde des Zirkels soll Schulterherein sein, die nächste halbe Runde Renvers. Dann gehen wir geradeaus und ich halte nach einer Viertel Zirkelrunde an. Das ist neu für mich. Meine bisherige Vorgehensweise war: Jetzt mach’ ich mal auf dem Zirkel abwechselnd Schulterherein und Renvers. Ohne Plan, was ich wann abrufe, einfach nach Gefühl, wann ein guter Punkt wäre, um vom einen in das andere zu wechseln. Was dadurch auch passierte: Mein Zirkel wurde ein Ei und ich hatte keine Konstanz im Grad der Abstellung und Biegung. Ein guter Tipp von Claudia: Ich soll mir vorstellen, ich hätte zwei Zirkellinien, eine innere, eine äußere – dazwischen arbeiten wir. Und dann eben mit Plan vorgehen. „Die Präzision lässt die Übung erst richtig wirken“, hat Claudia Butry mir erklärt, „ihr seid jetzt an dem Punkt, dass sie versteht, was Du möchtest, jetzt geht es um Präzision!“ Also - wir üben dann mal weiter! Und Ihr so?

Mehr dazu

Interessiert Dich der Ansatz von Ausbilderin Claudia Butry? Auf dem Blog www.alifewithhorses.de findest Du noch mehr Fotos und Erlebnisse aus unseren Kursen mit ihr. Zum Beispiel einen Text, in dem es darum geht, wie man feine Reiterhände bekommt. Einmal die Woche gibt's hier im pferdia-Magazin einen Artikel aus meinem A-life-with-horses-Blog. Hier spreche ich, Jeannette, über Motivation & Gedanken zu den Pferden, zum Reiten und zum Drumherum.
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