Saisonende – was unterm Strich bleibt

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Die Pracht blitzt nur noch an manchen Ecken hervor. Die Felder unseres Nachbarhofs sind fast abgeerntet, reife Kürbisse liegen herum. Orange Farbtupfer, die wirken, als ob sie laut „Erntezeit!“ rufen wollten. Ich mag das da total, auf unserem Nachbarhof, und habe mir das ganze Jahr schon gewünscht, dort Fotos zu machen. Als wir mit den Pferden zwischen den Gemüsebeeten entlang gingen, kam mir der Gedanke, dass es ja ebenso für uns Pferdeleute das Ende der Saison ist.

Turnierfreie Wochenenden

Die Turniersaison – vorbei für diejenigen, die sonst jedes Wochenende auf einer anderen Wiese ihren Anhänger parken. Die Wald- und Wiesenreiter vermissen die langen hellen Abende da draußen. Die Weidesaison ist vorbei, und das dunkle Ding namens Winter beginnt.

Wir sind Glückskinder, wir Reiter

Der Herbst ist die beste Zeit ist, um ein Resümee zu ziehen. Mal mit Abstand zu schauen, was das Jahr gebracht hat, was es mich gelehrt hat. Was es mein Pferd gelehrt hat. Ich habe mir das mal aufgeschrieben. Wegen Dankbarkeit und so. Und um zu sehen, was für Glückskinder wir eigentlich sind.

  1. Dankbar für diese kurzen Episoden, die sich ins Reiterhirn einprägen. Die, wo es auf einmal Klick macht. Ich hatte solche Momente mit Alizée Froment im Unterricht, als sie mich krass über meine Komfortzone geschoben hat (hier habe ich davon erzählt). Dann mit Hannah Engler letztens in der Vorbereitung zum Elaine-Butler-Kurs. Sie korrigierte meinen Sitz, und auf ein Mal war da diese halbe Runde Galopp, in der sich alles auf einmal besser anfühlte: Das Pferd groß, rund, auf dem Hinterbein. Wegen solcher Momente reite ich. Weil dann auf einmal alles leicht wird, und zugleich größer und schöner.
    Lehre: Die kommen immer wieder, diese besonderen Momente. Bei Durststrecken einfach mal öfter an solche Episoden aus der Vergangenheit denken.

  2. Dankbarkeit dafür, das wir das Cushing so gut im Griff haben. Im April sah Fee furchtbar aus: Muskulatur weg, Kraft weg, Fell schlecht, müde einfach. Mit etlichen Experten ging ich auf Spurensuche. Als die Diagnose dann da war, und ich alles Mögliche umgestellt hatte, Futter, Haltung, Medikamente, ging es Fee rasch besser (hier steht das). Schon im Juni sah sie wieder proper aus!
    Lehre: auch wenn Du sämtliche Aspekte Deiner Haltung, des Trainings und so weiter als nahezu perfekt ansiehst – checke sie immer wieder neu. Das ist gut gegen Betriebsblindheit und darin kann die Lösung für kleine oder größere Probleme liegen.
  1. Dankbarkeit für die Sensibilität und Gnade meines Pferdes. Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, dass mein Pferd meine kleine Tochter großherzig Runde um Runde trägt. Dazu muss man wissen: Fee ist eine Prinzessin auf der Erbse. Ein Ticken falsch gesessen, und schon gehen die Ohren zurück. Meine Tochter durfte sie ewig nicht leichttraben. Auch wenn ihr Auf und Nieder taktmäßig und nicht plumpsend aussah, Fee gefiel es nicht. Nach zwei, drei Tritten zog sie ihr Maul kräuselig, legte die Ohren an und ich wusste: Das lassen wir schnell mal wieder. Lieber nur Schritt gehen lassen mit Kind. Das änderte sich schlagartig nach zwei Tipps. (Sorry, jetzt kommt wieder eine Episode Elaine-Lob! Es ist halt einfach so, sie ist der Wahnsinn!). Elaine Butler erklärt allen Reitern folgendes zum Leichttraben: Bauch und Rücken mit viel Muskelspannung nutzen. Das Becken gut vorschwingen lassen, nicht nach oben, sondern gedacht in Richtung vor den Sattel, und zwar aus den Oberschenkeln heraus. So erklärte ich das auch meinem Kind. Und zack. Ab diesem Moment war Fee einverstanden. Runde um Runde trägt sie die Kleine nun ohne Murren. Was für ein tolles Pferd, es ist irre, wie extrem sie spiegelt! Und wie großartig, dass meine kleine Tochter so eine theoretische Erklärung direkt umsetzen konnte. Es macht mich sehr froh zu sehen, wie gnädig Fee seitdem dieses kleine Mädchen auf ihrem Rücken herumträgt. 
    Lehre: Wer willens ist, die scheinbar simpelsten Dinge der Reiterwelt genau anzugucken und noch besser zu machen, den erwartet Großartiges.
  1. Dankbarkeit fürs Alter. 21 Jahre lang habe ich Fee nun. Sie hat alle meine anderen Pferde überlebt, und ich bin sehr, sehr dankbar für diese lange gemeinsame Zeit.
    Lehre: Keine Angst vor dem Altern vom Pferd! Das kann eine sehr schöne Zeit werden.
  1. Dankbarkeit für geniale Handpferderitte. Im Februar nahm ich meine Tochter zum ersten Mal als Handpferd mit in den Wald. Ich auf Fee, meine Tochter auf dem Shetty Kleiner Onkel. Wir machten Pausen, um Moos zu sammeln, machten Pfannkuchenpicknick oder ritten zum Waldspielplatz. Seit dem Sommer reitet sie ohne Strick neben mir her. Letztens sind wir zum ersten Mal im Gelände galoppiert. Was für eine krasse Lernkurve in diesem Alter möglich ist! Total schön.
    Lehre: Keine Lehre. Macht mich einfach nur sehr glücklich.

  2. Dankbarkeit für die Menschen, die zu den Pferden gehören. Es macht mich sehr froh, dass die Pferde mich immer wieder zu Menschen bringen, die ähnlich ticken wie ich. Das sind oft gänzlich dem Pferd verschriebene Menschen, Wahnsinnige im besten Sinne. Was habe ich für tolle Züchter und Reiter dieses Jahr kennen gelernt! Über manche von ihnen habe ich auch hier im Blog erzählt. Und es sind auch Menschen darunter, die ich über den Blog kennen gelernt habe. Ich freue mich sehr, was für  Leser mit großartiger Einstellung zum Pferd sich hier versammeln. Ich bin sehr dankbar für diese Begegnungen. Wirklich.
    Lehre: Es gibt genauso verrückte Pferdeleute wie Dich oder mich. Man muss sich nur finden!

Tierarztrechnungen und die Kehrseite des ganzen

Glückskind oder? Das Ganze ist natürlich auch eine Sache der Perspektive. Ich könnte mir auch eine selbstmitleidige Liste von all dem schreiben, was dieses Jahr doof gelaufen ist (Tierarztrechnungen ständen da garantiert mit drauf!). Aber – was nützt das? Gar nichts. Ist gelaufen, kann man eh nicht ändern. Aber noch mal zu schauen, was alles prima war – das ist ein Fokus, den ich total hilfreich finde. Das ist mein Om.

Eure Kommentare machen mich froh

Ich bin gespannt auf Deine Gelernt-Liste. Sortiere mal Deine Lehren & Erlebnisse, da kommt einiges zusammen! Übrigens habe mich total über die vielen Kommentare von Euch zu den Kastanien letztens drüben auf dem Blog direkt gefreut. Einige von Euch erzählen ab und an etwas über facebook über sich, einige hinterlassen mal hier ein paar Zeilen oder schreiben eine Mail. Es ist so schön, mehr über Euch zu erfahren, was Ihr so erlebt, worüber Ihr so mit Euren Pferden nachdenkt.

Auf dem Blog direkt gibt es übrigens noch etliche schöne Fotos von unserem Fototermin im Garten des Nachbarhofs. Mit Herbstsonne ohne Ende.