Das hilft gegen den Stuhlsitz

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Es gibt genau zwei Gruppen, die die Thematik Stuhlsitz beschäftigt: Zum einen Schüler zu Beginn ihrer Lebenserfahrung als Reiter, und des weiteren viele, viele Reitlehrer an der Basis. Denn so häufig der Stuhlsitz auch vorkommt, oftmals fehlt die geeignete Herangehensweise, damit dieser Sitzfehler verschwindet. Sibylle Wiemer und Dr. Britta Schöffmann erklären hier, wie sie dieses Problem in der Praxis lösen. 

Liegt es am Reiter?

Der erste Kontrollgang von Dressurausbilderin Britta Schöffmann führt in solchen Fällen stets zum Sattel des Pferdes. „Ich gucke erst, ob der Sattel passt, denn der Stuhlsitz kann auch ausgelöst werden, wenn der Schwerpunkt zu weit hinten verlagert ist“, sagt sie. Kippe der Sattel nach hinten, dann rutsche der Oberschenkel automatisch nach vorne. „Oft ist das Problem behoben, wenn der Sattel hinten höher kommt.“ Andere Möglichkeiten: Die Sattelform ist ungünstig, der Oberschenkel zu lang oder zu breit für die Hüfte. Manchmal passe auch einfach die Anatomie des Reiters mit der des Pferdes schlecht zusammen: Ein extrem breites, dickes Pferd ist nicht sehr einfach korrekt zu sitzen für einen Reiter mit eher kurzen Beinen. 

Ist es denn überhaupt ein Stuhlsitz?

Ausbilderin Sibylle Wiemer kennt die Schwierigkeiten an der Basis. Und auch Fehlinterpretationen: „Häufig wird sofort vom Stuhlsitz gesprochen, wenn die Leute auf dem Po sitzen und mit sehr kurzen Bügeln reiten“, sagt sie. Doch das macht noch keinen Stuhlsitz aus. „Im Stuhlsitz ist das Becken so abgekippt, dass der Reiter wie auf Stuhl oder Sofa nach hinten kippt, die Arme nach vorne streckt und, um Halt zu finden, Druck in die Bügel aufbaut!“, erklärt sie. Dabei werden die Knie hochgezogen, und die Füße des Reiters befinden sich entweder unter dem Knie oder vor dem Knie. Der typische Stuhlsitz hat also vier Komponenten:

1. der Oberkörper kippt nach hinten

2. die Arme werden nach vorn gestreckt gehalten

3. die Knie werden hochgezogen

4. die Füße befinden sich zu weit vorne

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Was im Körper passiert

„Die Ursache für all diese Probleme ist ein unbewegliches Becken“, sagt Sibylle Wiemer, „und das entsteht durch eine deutlich verkürzte Lenden-Binnen-Muskulatur.“  Diese Muskeln (auch Psoas Muskeln genannt) verbinden die Lendenwirbelsäule mit dem Oberschenkel. Die Dehnfähigkeit dieser Muskulatur fehlt bei Stuhlsitz-Kandidaten. Bei ihnen gilt: Je mehr der Reiter nach hinten kippt, desto mehr kommen die Knie nach oben.

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Übung: Schwingen der Beine

Sibylle Wiemers Lieblingsübung, um den Stuhlsitz zu korrigieren, ist folgende: Der Reiter lässt im Schritt seine Beine vor- und zurückschwingen. Und zwar nur aus dem Oberschenkel heraus. „Der Reiter soll den Oberschenkel am Sattel vor und zurück bewegen“, erklärt Sibylle Wiemer.  Es muss aber, um wirken zu können, korrekt ausgeführt werden: „Nicht den Unterschenkel aus dem Knie heraus bewegen! Und nicht die Knie hochziehen und wieder fallen lassen!“, erklärt sie. Das ist eine sehr ungewohnte Bewegung, die den allermeisten schwer fällt. Anfangs kann es sein, dass der Reiter dabei den Eindruck hat, dass „er einen Krampf im Po bekommt“, sagt die Ausbilderin. Sie verspricht: „Wenn man die Übung dennoch 10-14 Tage jeden Tag beim Schrittreiten anwendet, dann erleichtert sie das Aussitzen und hilft die Beckenmuskulatur beweglicher zu machen.“

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Übung: Franklinrolle nutzen

Dressurausbilderin Britta Schöffmann nutzt für Reiter, die im Stuhlsitz auf dem Pferd sitzen, gern die Tatsache, dass neue Körpererfahrungen stark verbessernd wirken können. Mit Franklinbällen schafft sie Situationen, die dem Reiter ein neues Körpergefühl geben. Gern verwendet sie die mit Luft gefüllte Minirolle dafür. Auf diese setzt sich der Reiter, schiebt sie sich hinten unter das Gesäß. „Damit können die Reiter ihr Becken besser kippen, und kommen so aus der Stuhlsitzproblematik wieder heraus.“

Übung: Schwämme in die Steigbügel legen

Sibylle Wiemer hat auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, die Reiter mit Schwämmen auszustatten. Diese werden in die Steigbügel gelegt. Es müssen recht harte Schwämme sein, entweder die aus dem Meyners-Franklin-System oder ähnlich feste. Tatsächlich hat diese kleine Veränderung große Auswirkungen auf den gesamten Körper. „Wir wissen nicht genau, warum das durch den Stiefel wirkt. Aber man greift in die Balance des Reiters stark ein!“  Die Erfolge sprechen für sich: „Viele Reiter richten sich auf, manche hören auf zu klemmen, manche stellen die Hände besser auf, alles nur wegen dem Schwamm an den Fußsohlen!“

Wichtig ist bei allen Franklin-Übungen, das sie sachte und nicht lang anhaltend ausgeübt werden. „Niemals in den Schmerz hinein arbeiten“, warnt Sibylle Wiemer, „ und den ganzen Körper genauestens beobachten, auch den Kreislauf!“ Hier kann es nämlich bei zu langem Üben durchaus zu Komplikationen kommen. Also: Lieber unterfordern als überfordern. „All diese Methoden wirken sehr nachhaltig, auch wenn man sie langsam ansetzt“, erklärt Sibylle Wiemer.

Dass eine Übung an den Füßen, wie die Schwammübung, auf den ganzen Körper wirkt, hängt auch mit den Faszienketten im Körper zusammen. Im Körper des Menschen verbindet eine Faszienkette das Hinterhaupt mit der Rückenmuskulatur, führt vom Kreuzbein hinunter zu den Füßen – was eine sehr grobe und verallgemeinernde Beschreibung ist. Doch sie macht verständlich, dass alles zusammenhängt, und das Verändern einer Partie auch immer weitere Partien des Körpers beeinflusst. „Wenn man den Stuhlsitz durchbrechen will, ist es egal, an welchem Punkt man da ansetzt“, sagt Sibylle Wiemer. „Veränderung hat immer Auswirkung auf andere Teile.“