Wann ist ‚zu eng‘ ein Thema?

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Vor wenigen Tagen ist auf meiner facebook-Seite etwas passiert, das mich nochmal sehr zum Nachdenken gebracht hat. Ich habe das Video eines Hengstes gepostet, der mir persönlich sehr gut gefällt. Ein Pferd, das einfach aussah, als ob es viel Freude machen würde, den zu reiten. Locker, sich anbietend, mit einer durchschwingenden Aktivität durch den Körper. Die Kommentare dazu gingen kaum in die Richtung, wie gut man das Pferd findet. Es ging sofort um die Reitweise. Der Hengst war hinter der Senkrechten. 

Habe ich auch gesehen. Nur war es mir in dem Moment nicht wichtig. 

Geht das? Darf man das? So etwas mal nicht zum Thema machen?

Wohlbemerkt: Keine Rollkur oder so etwas. Kein unfaires Reiten. Sondern schlicht: Deutlich hinter der Senkrechten.

Ich finde ja. 

Viele andere fanden das nicht. 

Meine Gründe für mein Schweigen: Keiner kennt die Umstände, warum dieses Pferd in der Situation wie geht. Und: Es gibt weitaus mehr Kriterien, als nur die Nasenlinie. (Dazu fällt mir ein Gespräch ein: Dressurausbilder Jan Nivelle hat mir mal gesagt, dass er es furchtbar fände, dass viele Menschen eben nur noch auf Kopf und Halshaltung gucken. Ohne das Gesamtbild zu sehen, ohne nach Rücken, Elastizität und einem funktionalem Hinterbein zu schauen. Ein so wichtiger Gedanke!)

Wenn man das so sagt oder aufschreibt, wie ich gerade, kann ich mir die Gegenargumente schon gut vorstellen: Der reinen Lehre wegen darauf hinweisen, immer wieder, sobald es auftritt! Und der Blickschulung wegen so etwas stets kommentieren - damit die Menschen nicht auf die Idee kommen, das wäre der Normalzustand. 

Natürlich haben diese Argumente ihre Berechtigung. Es ist wichtig, zu wissen, wie es aussehen sollte. Und welche Nachteile ein Abweichen von diesem Ziel oder der Idealvorstellung hat. Doch wie sich später herausstellte, saß auf diesem Pferd eine Privatperson. Kein Profi. Jemand wie Du und ich, der eben stolz auf seinem Pferd zeigte, wie brav und elastisch das junge Pferd schon seine ersten Runden drehte. 

Mir gefällt es einfach nicht, sofort zu schreien: "Ich weiß was! Das Pferd geht zu eng, schrecklich, furchtbar!" Ohne dazu zu sagen: "Oh wie elastisch, oh wie schön schwingt der!" Oder ähnliches. Denn wenn ich in der Reiterwelt permanent mit dem Finger auf jeden Fehler zeige, bringe ich so viel Negatives hinein. 

Keine Gnade für Profis

Es gibt Ausnahmen für mich. Ich berichte vorwiegend über die ganz großen Prüfungen, also Europameisterschaften oder Weltreiterspiele, oder die Olympischen Spiele, also dann, wenn dieser Sport auch für Nichtreiter interessant wird. Da bin ich streng, denn: Das sind unsere Aushängeschilder. Die der gesamten Reiterei. Ich schone niemanden, und das nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass das meine Aufgabe ist als Journalistin. Hinzusehen, und so neutral wie es einem menschlichen Wesen möglich ist, von dem Guten und dem Schlechten zu erzählen. Fair. Dennoch ist es mir klar, dass diese Reiter auch Menschen sind, und es zu Kränkungen kommen kann. Doch das darf in diesem Kontext keine Rolle spielen, vorausgesetzt, ich habe fair gearbeitet. Das ist so ähnlich, wie bei den Promis in anderen Bereichen: Der Preis für Öffentlichkeit ist, dass man sich dem Urteil von außen stellt. 

Und auch jenseits von social media finde ich Toleranz wichtig. Auch wenn es mir natürlich um die Pferde geht und deren Wohlbefinden. Ich mag aber auch so manche Menschen gern. Ich habe Freunde und Bekannte, die anders reiten als ich und auch deutlich anderes anstreben. 

Von Tüddlern und Extremsportlern

Ich kenne und schätze Menschen, die ihr Pferd kaum reiten und nur tüddeln. Deren Pferde beschissen bemuskelt sind. Ich kenne und schätze Menschen, die einer Schleife nach der anderen nachjagen. Deren Pferde für mich nicht reel ausgebildet sind. Ich kenne und schätze Menschen, die ihr Leben nach dem Turniersport ausrichten. Was mir ein viel zu hoher Preis wäre.

Was sie eint, ist eine gute Intention. Der Wille, für ihre Pferde das Beste zu wollen. Ein Gefühl. So verschieden sie sind, und egal, ob ich das, was da gemacht wird, gut heiße oder nicht: Sie alle haben eine wahre Beziehung zu ihren Pferden. Und damit meine ich keine Lippenbekenntnisse á la ‚He is a happy athlete’. Ihre Zuneigung ist echt. Dieses Gefühl, das zählt.

Ohne diese Grundqualität würde es mir schwer fallen, mit ihnen befreundet zu sein. Wahrscheinlich ginge das gar nicht.

Ich glaube, dass die Pferde das genauso sehen. Sie spüren das und nehmen dafür viel in Kauf. Es sind so unsagbar verzeihende Tiere, wenn die Intention stimmt.

Demut kommt vor dem Urteil

Außerdem haben mich die Jahre im Reitsport, als Journalistin und als Reiterin, ziemlich demütig gemacht. Ich versuche, sehr spät zu urteilen. Ich weiß um meine eigenen Baustellen, um meine eigenen Unzulänglichkeiten. Wie gerne würde ich in meinem Privatleben eine bessere Reiterin sein! Und wie oft muss man hinschauen, um tatsächlich zu verstehen, welcher Ausbildungsphilosophie jemand folgt. Damit meine ich nicht das simple Einordnen in Schubladen (Akademisch / Klassisch Deutsch / Französisch-portugiesisch zum Beispiel). Es geht mir um das viel Diffizilere.

Aber auch schon bei den unterschiedlichen Methodiken hilft manchmal ein bisschen mehr Demut und Respekt für das Tun der anderen. Kann ich auch nicht immer. Ein Beispiel dafür habe ich hier aufgeschrieben, da ging es um die Akademische Reitweise. Ein anderes Beispiel, wieder Jan Nivelle: Mit ihm habe ich auch über die Schöneichsche Schiefentherapie gesprochen. Auch die wusste er einzuordnen. Eine Longiermethodik, die die Schiefe des Pferdes auf recht ungewöhnliche Art und Weise korrigiert. Das ist nämlich auch etwas, wo viele Reiter schreiend weglaufen oder direkt sektenähnliche Anhänger werden. Beides ist Blödsinn.

Dieses Offen bleiben und nicht nur einmal hingucken, Kopf schütteln, etwas abfälliges sagen, und weiterziehen, das ist mir immens wichtig. 

Das trifft eben auch auf das Video mit dem Hengst zu. Was weiß man schon über diese beiden in dem Video? Wie der Hengst heißt und wo er steht. Mehr nicht.

Unabdingbar: Augenschule

Ein komplett anderes Thema sind unsere Sehgewohnheiten. Hier herrscht wirklich Aufklärungsbedarf: Was ist korrekt und was nicht? Zu oft wird beispielsweise über einen falschen Knick hinweggesehen, ob auf Prospekten, in hohen Prüfungen durch die Richter oder auf Bildmaterial in einschlägigen Magazinen. Hier ist die Lücke und der Fehler. Da muss sich etwas tun, in Richtung Augenschule. 

Vielleicht denken so einige: Aber genau deshalb schreibe ich doch, wenn ein Pferd hinter der Senkrechten geht, um das zu ändern! Das kann eine Position sein. Nur denkt doch mal darüber nach, wie es dem Reiter, dem ich jetzt einfach mal unterstelle, dass er seinem Pferd Gutes möchte, geht, wenn da ärgerliche Smileys und Worte wie „Schrecklich!“ gepostet werden. „Schönes Pferd, würde mir wünschen er wäre im Genick offener“, hört sich schon ganz anders an, oder?

Es versuchen, besser zu machen

Die Reiter, die ziemlich weit oben mitmischen und die wirklich schön reiten, haben häufig eine Richtlinie für sich selbst: Nicht die Kollegen kritisieren, sondern einfach für sich selbst was anderes zeigen. Das mag zu einem großen Teil auch einfach Selbstschutz in einem Haifischbecken sein. Aber es trägt auch dazu bei, dass die positive Energie bei einem selbst bleibt, und nicht von Negativem überlagert wird. Das tut nämlich langfristig niemandem gut. Dann ist es eben nur gut gemeint, aber nicht gut.

Widerliches Gutmenschentum?

Ich finde diese Maxime auch für Otto Normalreiter passend. Ich versuche, mich danach zu richten. So gut wie möglich selbst etwas tun, an mir zu arbeiten. Nur etwas ungefragt zu sagen, wenn es für mich in Richtung tierschutzrechtlich relevant geht (und dann aber laut und deutlich). Und zwar egal, ob das auf einer Sozialen Plattform oder im echten Leben passiert. Das mag jetzt sehr nach Gutmensch klingen. Natürlich schaffe ich das nicht immer. Aber ich bin mir dessen wenigstens bewusst und versuche, es so zu handhaben.  

 

P.S.: Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Dieser Text hier dient nicht als Rechtfertigung für schlechtes Reiten, in welcher Facette sie auch daher kommen mag. Ich möchte hier niemanden in Schutz nehmen, der beschissen reitet. Selbst an sich arbeiten, fleißig sein, den Pferden zuliebe, sich bilden und ausbilden lassen: Das finde ich wichtig. Und zugleich gnädig sein - sich selbst und anderen gegenüber. Vielleicht ist das die Essenz des Ganzen.