Nina Steigerwald: Was Pferdeleute von Hühnern lernen können

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Nina Steigerwald trainiert Pferde und deren Besitzer. Außerdem bietet sie regelmäßig Hühner-Clickerkurse an. Für Pferdebesitzer. Warum Hasso, Berta und ihre Freunde Pferdebesitzern Timing und Konsequenz besonders gut beibringen.

Liebe Nina Steigerwald, warum um alles in der Welt sollten Pferdeleute einen Kurs besuchen, bei dem sie lernen, wie sie Hühnern per Klicker Tricks beibringen?

Es geht darum, dass Pferdeleute verstehen, wie Lerngesetze funktionieren. Was die Hühner lernen, ist zweitrangig. Und die Hühner sind besser dazu geeignet, weil Pferdebesitzer kaum emotionale Bindung zu ihnen mitbringen.  

Was ist daran besser? 

Je mehr Bindung da ist, desto mehr Interpretation ist da, weil der Mensch schon viele Erfahrungen gemacht hat. Dann werden Begründungen gesucht mit Sätzen wie: „Der ist immer so, wenn wir woanders sind.“ Beim Huhn ist es nicht so, dass der Lernende denkt: Oh, jetzt guckt es gestresst oder ist dominant".

Welche Art von Grundsätzen der Lerntheorie vermitteln Sie in diesen Hühnerkursen, ganz knapp zusammengefasst?

Dass Verhalten über Konsequenzen gesteuert wird. Damit ein Tier entscheidet: ja, ich springe über ein Hindernis, braucht es zuvor eine Konsequenz, eine angenehme oder eine unangenehme. Wobei wir nur mit positiver Verstärkung arbeiten. Es geht immer um die schlichte Frage des Tieres: Was genau habe ich von diesem Verhalten? 

Hühner-trainieren

Wie muss ich mir so einen Hühnerkurs bei Ihnen vorstellen? Ich suche mir eins im Stall aus, und dann...?

Naja, fast. Am Tag zuvor suche ich die Hühner aus, die im Kurs mitmachen dürfen.

Huch – wonach denn? 

Ich habe 25 Hühner und schaue, welche von ihnen besonders engagiert beim Target-Clickern sind. 

Das Target ist ein Zielobjekt, auf dass das Huhn picken soll. 

Genau. Ich prüfe, wie gut sie dem Target hinterherlaufen, wie ihre Motivation ist, ob ein Huhn eher faul oder engagiert ist. Wenn zuvor jemand dem Huhn beim Hochnehmen den Flügel eingeklemmt hat oder es nicht gut geklickert hat, dann ist es weniger engagiert, und dann muss ich erst wieder mit ihm üben, bevor es in den Kurs darf. 

Wie leben die Hühner denn?

Sie führen ein ganz normales Hühnerleben mit Scharren, Staubbädern und Hahn! Sie müssen nur so vorbereitet sein, dass sie sich gern hochnehmen lassen und auf dem Tisch bleiben, auf dem wir üben. Das Hochnehmen ist auch das Erste, was die Kursteilnehmer lernen. 

Hühner tragen?

Genau, Hühnertragen und den Futterpott richtig halten. Im Kurs hat dann jeder zwei Hühner und arbeitet an einem Tisch. Eine der ersten Aufgaben ist zum Beispiel, dem Huhn beizubringen, immer nur auf die Farbe Rot zu picken, wenn vier Farben zur Verfügung stehen. Im ersten Kurs geht es um Timing, Kriterien und die Belohnungsrate, die drei Grundpfeiler guten Trainings, ohne die Tiere uns weder verstehen, noch gerne mitmachen.

Stadtmusikanten
Klickertraining-mit-dem-Huhn

  Welches ist denn der größte Unterschied zwischen Pferd und Huhn im Bezug auf das Lernverhalten?

Ein Huhn stellt bei Strafe und bei körperlicher Interaktion das Arbeiten ein. Ein Huhn kann man nicht über Schlagen, Schreck oder Körpersprache beschleunigen. 

Und welche Kernthesen erkennen die Teilnehmer, während sie bei Ihnen lernen, ihrem Huhn beizubringen, eine bestimmte Farbe anzupicken? 

Die Unmittelbarkeit der Konsequenz. Timing ist absolut entscheidend. Das sieht man live an diesen Hühnern. Es gibt Menschen, die bringen den Hühnern bei, einen halben Zentimeter vor Targets zu stopppen. Sie klicken zu früh und mehrfach im falschen Moment. Andere klicken sehr spät, wenn der Kopf schon wieder nach oben geht. Deren Hühner picken gar nicht mehr. Das Huhn hat dann gelernt, dass es Futter bekommt, wenn der Kopf nach oben geht. 

Das heißt, der Erfolg ist vor allem abhängig von welchen Dingen?

Vom Timing und der Klarheit der Kriterien. Wenn ich nicht weiß, was ich verstärken möchte, geht es nicht. Ich muss wissen, was ich will, wenn ich mal dies, mal das klicke, kann es nicht funktionieren. Das gilt übrigens für jede Art von Training.

Klickern-mit-dem-Pferd

Gibt’s Momente in diesen Kursen, die sie selbst verblüffen?

Ich finde es immer spannend, dass eigentlich alles möglich ist! Es ist dem normalen Durchschnittsbürger möglich, dem Huhn beizubringen, nur diese eine Farbe zu wählen, wenn er nur richtig klickt. Beeindruckend ist auch das Tempo von Lernen, wenn der Trainer es richtig macht.

Welche Leute kommen denn zu ihnen? 

Einerseits normale Tierbesitzer, die sagen: das ist so abgefahren, das möchte ich auch lernen! Ich möchte mit meinem Pferd auch so fein kommunizieren können. Und außerdem Menschen, die im beruflichen Kontext mit Tieren zu tun haben, aus Hundeschulen, oder Longenkurstrainer zum Beispiel. Das sind Kunden, die eine fundierte saubere Arbeit mit Feintuning lernen wollen. 

Kommt’s vor, dass ein Teilnehmer das Huhn so prima findet, dass er es im Anschluss mitnehmen möchte?

Oh, meine Mädels bleiben alle hier! Berta, Fiffi, Josie, Lotta, Moritz, Pong, Ping, Emilio sind meine Mitarbeiter. Ich hab Spaß an denen, mein Hahn Hasso soll zum Beispiel lernen, bei Fuß zu gehen. Ich freue mich schon darauf, wenn ich sagen kann: „Hasso, bei Fuß!“ und dann der Hahn neben mir trippelt!