#wehorsewednesday | Stellung & Biegung

Ohne Stellung keine Biegung, ohne Biegung keine Gymnastizierung. Unabhängig von der Disziplin benötigst du eine korrekte Stellung und Biegung für jedes gute und das Pferd fördernde Reiten. In der Dressur basiert ein Großteil der Lektionen darauf, beim Springen wären geschmeidige und enge Wendungen gar nicht möglich und insgesamt könntest du dein Pferd ohne Biegung gar nicht geraderichten, das heißt entgegen der natürlichen Schiefe des Pferdes arbeiten.


Stellung vs. Biegung – warum die Unterschiede wichtig sind

Der wohl größte und wichtigste Unterschied zwischen Stellung und Biegung ist biomechanischer Natur. Während die Stellung durch ein Nachgeben im Bereich des Genicks bzw. der ersten drei Halswirbel stattfindet, beeinflusst die Biegung die Beweglichkeit des gesamten Pferdekörpers.


Um es in einfachen Worten zu beschreiben: Bei der Stellung ist sozusagen nur der Kopf des Pferdes leicht in eine Richtung abgestellt und zwar so, dass der Reiter gerade so das Auge und die Nüstern auf der jeweiligen Seite schimmern sieht. Bei der Biegung hingegen, wird das Pferd entlang seiner Längsachse mit dem ganzen Körper um den inneren Schenkel des Reiters gebogen – grob zu vergleichen mit einem Halbmond.


Hilfengebung – Detaillierte Anleitung und gängige Fehlerquellen

Wie erreicht man eine korrekte Stellung und Biegung? Das geht meistens nicht von heute auf morgen. Unerlässlich ist jedoch das Kennen und Können der richtigen Hilfengebung:


Stellung
  • Der Reiter dreht das innere Handgelenk leicht ein und fragt das Pferd damit nach einem Nachgeben im Genick
  • Reagiert das Pferd auf das Signal und beginnt zu kauen, gibt der Reiter sofort nach
  • Vorsicht: Nachgeben heißt nicht, den Zügel wegschmeißen! Ein ganz feines Nachgeben in Richtung Pferdemaul, evtl. nur mit dem kleinen Finger, genügt. Die Verbindung bleibt erhalten!
  • Reagiert das Pferd nicht, wartet der Reiter, gibt das Signal erneut, ohne die Verbindung in der Zwischenzeit zu unterbrechen – auch wenn das Pferd zur Seite ausweicht. Erst, wenn es kaut und nachgibt, gibt auch der Reiter als Belohnung nach.
  • Immer bedenken: Eine korrekte Stellung ist minimal. Auge und Nüster sollen gerade so zu sehen sein, sonst ist die Abstellung schon zu stark.
Biegung
  • Der innere Schenkel liegt treibend am Gurt
  • Mit dem inneren Zügel wird die Stellung geschaffen
  • Der äußere Zügel erlaubt die Stellung und wirkt begrenzend an der äußeren Pferdeschulter
  • Der äußere Schenkel liegt verwahrend kurz hinter dem Gurt und verhindert gegebenenfalls ein Ausweichen der Hinterhand
  • Wichtig: Schiebe oder drücke nicht mit deinem Körper! Deine Schultern sollen parallel zu den Schultern deines Pferdes mit in die Wendung gehen
Wie sieht das Ganze jetzt aus?

Eine richtig gerittene Stellung und Biegung, die biomechanischen Hintergründe, die genaue Hilfengebung und gängige Fehlerquellen zeigt und erklärt dir wehorse-Trainerin Dr. Britta Schöffmann noch einmal wunderbar detailliert und einfach nachvollziehbar in folgenden zwei Videos:


Längsbiegung Teil 1: Stellung erfragen, anwenden, korrigieren


Längsbiegung Teil 2: So entsteht die Biegung


Tipp: Schau dir in Teil 1 ab Minute 07:00 mal genau an, was es mit dem „Pumpen“ auf sich hat, ein Fehler der vielen Reitern – auch fortgeschrittenen – häufig passiert!


Stellung & Biegung im täglichen Training

Stellung und Biegung hängen immer mit halben Paraden zusammen und werden in zahlreichen Dressurlektionen abgefragt. Lektionen, die zum Beispiel ausschließlich Stellung benötigen, sind das Schenkelweichen und die Vorhandwendung. Eine korrekte Biegung brauchst du für Lektionen auf gebogenen Linien, wie dem Zirkel, der Volte, den Schlangenlinien usw. und bei Seitengängen wie dem Schulterherein oder der Traversale.


Im Video „Längsbiegung Teil 3: Zirkel, Volten, Schlangenlinien“ zeigt und erklärt dir Dr. Britta Schöffmann anhand von unterschiedlichen Beispielreitern und -pferden, wie du die korrekte Stellung und Biegung mit den halben Paraden verknüpfst und worauf es in den einzelnen Lektionen ankommt. Wichtige Grundlagen, ohne die du in den höheren Klassen aufgeschmissen bist! Hier geht’s direkt zum Video.


In diesem Video mit Ingrid Klimke siehst du den Zusammenhang von Stellung, Biegung, Übergängen, Geschmeidigkeit und Anlehnung sehr gut. Schau dir an, wie die Olympiasiegerin die Stute Soma Bay Schritt für Schritt gymnastiziert und die reelle Biegung verbessert:

„Soma Bay Folge 1: Takt, Losgelassenheit & Anlehnung"


Prüfen und Üben am Boden

Ob dein Pferd sich stellen lässt, im Genick nachgibt oder vielleicht sogar Verspannungen oder Blockaden hat, kannst du wunderbar auch am Boden mit Abkau- und Biegeübungen überprüfen.

Schau dir in diesem Video mit dem französischen Reitmeister Philippe Karl an, wie du dein Pferd zum Kauen bringst, in welchem Winkel Kopf und Hals gebogen werden sollen, wie du die Hände hältst und in welcher Position du zum Pferd stehst.


Direkt zum Video: „Schule der Légèreté Teil 11: Abkau- und Biegeübungen am Boden“


Selbstreflexion ist gefragt!

Es ist so, wie Dr. Britta Schöffmann es in einem ihrer Videos sagt: „Wer bei der Stellung und Biegung schludert, wird sich später bei anspruchsvolleren Lektionen vor Schwierigkeiten sehen.“ Die richtige Technik der Hilfengebung als Reiter einmal zu lernen, zu verinnerlichen und bei unterschiedlichen Pferden umsetzen zu können, ist nicht nur ein riesiger Fortschritt im eigenen Reiten, sondern auch eine notwendige Voraussetzung, um nahezu alle weiteren Lektionen mit seinem Pferd richtig lernen und üben zu können.


Also, überprüfe noch einmal kritisch, ob dein Pferd sich leicht stellen und biegen lässt, ob deine Abstellung nicht zu groß ist, ob die Verbindung zum Pferdemaul sanft erhalten bleibt, ob du manchmal ins „Pumpen“ kommst und ob deine Hände warten können, anstatt zu ziehen.

Viel Spaß beim Ausprobieren und Besserwerden!