Warum es keine gute Idee ist, wie Alizée reiten zu wollen

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„Mama“, sagte das Kind, „wann kann ich reiten wie Alizée? Ohne Trense, ohne Halfter?“

„Wir waren draußen!“ sagte meine Reitbeteiligung, und schickte mir ein Bild. Das Pferd auf Halfter, sie stolz.

Ich möchte dann viele Sachen auf einmal tun. Menschen schütteln, meinen Kopf schütteln, nein rufen, sagen, das könnt ihr alles machen, wenn ihr erwachsen seid und auf eurem eigenen Pferd sitzt und völlig dafür alleine verantwortlich seid, was ihr für einen Mist anstellt.

Denn in meinem Kopf laufen dann Filme ab, die durchgehende Pferde, die sich vor irgendeinem Sonstwas, mit dem niemand gerechnet hat, fürchten. Reiter die runterfallen und Autos, die bremsen.

Letztens war es leider nicht nur Kopfkino. Eine gute Bekannte von mir kam wegen einer Platzwunde am Kopf ins Krankenhaus, weil ein Pferd sie umgerannt hatte. Das sie mit Halfter im Gelände führte. Ein Pferd, das als geländesicher gilt und gut erzogen ist, und bei dem niemand gedacht hätte, dass es sich mal so erschrecken könnte, dass so etwas passiert. Ihr Kopf war bis auf den Knochen auf. Zum Glück nur eine Fleischwunde.

Wäre das passiert, wenn sie auf Trense oder mit einem schärferem gebisslosen Zaum, als einem Stallhalfter, unterwegs gewesen wäre? Ich behaupte: es wäre zumindest unwahrscheinlicher gewesen.

Panik gegen Schmerz

Der Grund ist einfach: Panik gegen Schmerz.

Wenn ich einen Schmerzreiz setzen kann, habe ich eine Chance, in Momenten der Panik wahrgenommen zu werden.

Es ist die Frage, welcher Reiz in so einem Moment stärker gewesen wäre.

Unpopulär, so etwas zu sagen, ja. Denn wir aufgeklärten Pferdemenschen wollen ja alle eine Partnerschaft mit dem Pferd, feines Reiten, unsichtbare Kommunikation. Das Wort Schmerz ist da als Notanker nicht akzeptabel. Doch wenn ich damit das Risiko für aufgeplatzte Menschenköpfe und Verkehrsunfälle verringern kann, dann möchte ich genau das am Pferdekopf haben: ein Instrument, das im Notfall hilft. 

Auch, wenn es mir ansonsten um feine Kommunikation geht. Und ich höre das Gegenargument schon jetzt: gegen 600 Kilo, die in Panik fortwollen, macht auch ein Gebiss nichts mehr. Das mag in vielen Fällen sogar stimmen. Doch es bleibt eben die Frage, welcher Reiz in so einem Panikmoment stärker ist: der Fluchtmechanismus oder der Schmerz. Es ist eine Chance da, und diese Chance gibt uns Menschen die Möglichkeit, heile Knochen zu behalten.

Manchmal habe ich das Gefühl, zu dem Wahn, alles vom Pferdekopf zu reißen, beigetragen zu haben. Weil ich sehr frühsehr gerne und sehr viel von dem Zauber berichtet habe, der entsteht, sobald Alizée Froment ihre Pferde nur auf Halsring reitet.

Es ist ja nicht nur sie, sondern es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die tolle Freiarbeit zeigen, die toll arbeiten ohne Sachen um den Pferdekopf. Tja, und nun möchten eben alle nacheifern.

Wir wollen alle eine kleine Alizée sein

Mindestens soll das Gebiss raus, am besten das ganze Zaumzeug ab. Weil wir ja freundlich zum Pferd sein wollen. Weil wir mit Bodenarbeit und Roundpen und Freiarbeit und haste-nich-gesehen ja so lange in die Beziehung investiert haben, dass wir ganz eng mit unserem Pferd sind. Weil wir unser Pferd kennen, und wissen, dass da nichts passiert.

Weil wir alle eine kleine Kenzie oder eine kleine Alizée sein wollen.

Ich kann diese Sehnsucht so sehr verstehen.

Als wir den Lehrfilm zu Alizée gedreht haben, und sie zwei Meter vor mir Mistral ohne Zaum ritt, ihn voranschickte und nur mit dem Sitz wieder einfing, schönste Traversalen und Galopppirouten ritt, da passierte mir etwas, das sehr selten ist: ich konnte keine Zeile mehr schreiben. Ich hatte Tränen in den Augen, weil es so schön war. Klar, ich kannte das von Videos und von Shows. Aber so nah dran, es haute mich um.

Doch vor der Leichtigkeit steht das Können. Das Üben, das zigmal tun und sich sicher sein.

Es waren tausende Stunden im Sattel bei einer Alizée Froment, tausende Stunden an Grundlagenarbeit in der Dressur, stinknormal mit Gebiss und gymnastizierender Arbeit, bevor sie alles abmontierte. Dazu etliche Stunden in der Freiarbeit und absolute Konsequenz in jedem Detail. Da gibt es auch heute kein ‚Ach ja, er steht nicht ganz geschlossen, aber für heut ist’s gut“. Da wird gefeilt und analysiert. Erst wenn alles, alles stimmig ist, wird abgerüstet.

Die gute alte Tante FN

Während ich diesen Text tippe, komme ich mir vor wie die gute alte Tante FN. Deren Hauptpredigt die Sicherheit ist. Gibt es ein anderes Land, in dem so viel über Stahlkappenschuhe, Handschuhe beim Führen des Pferdes und sichere Ausrüstung geredet wird?

Ich bin nicht spaßbefreit. Das Kind darf auch nur auf Halsring galoppieren. In einem Roundpen, geschlossener Raum, kann wenig passieren, und auf einem braven Pony, dass diesen Job kennt. Die Reitbeteiligung darf auch mal ohne Gebiss reiten – aber bitte auf dem Platz oder in der Halle.

Alle anderen Heldentaten in dieser Richtung würde ich zumindest meinem minderjährigem Umfeld gerne abgewöhnen. Auch wenn ich selbst nicht besser war. Und damals alleine, mit Pony auf Halfter und ohne Sattel in den Wald geritten bin. Doch: Es war einfach ein Scheißgefühl, als dieser Motorradfahrer, der nicht in den Wald gehörte, da plötzlich auftauchte, und nicht nur das Motorrad, sondern auch das Pony abknatterte.

Ist ja nichts passiert. Stimmt oft. Und doch: Was für ein dummer Satz. Weil er eine scheinbare Sicherheit vermittelt. Genauso, wie ich mir wünsche, dass alle Reiter wissen, was sie da Kostbares in den Händen haben, wenn sie die Zügel anfassen, wünsche ich mir, dass sie Vertrauen nicht mit dumpfem Leichtsinn verwechseln.